BERLIN. Während die Erpressergruppe Rhysida am Freitag nach eigenen Angaben mehr als 1,4 Millionen Dateien aus dem Berliner Landesnetz ins Darknet stellte, hat der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) ein Basketball-Spiel besucht. Zusammen mit Innensenatorin Iris Spranger (SPD) und Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) verfolgte er in der Uber-Arena das WM-Spiel der deutschen Frauen gegen Spanien.
Bis Samstagmorgen äußerte er sich nicht öffentlich zu dem massiven Datenleck, dessen Ausmaß noch immer nicht genau bestimmt werden kann. Auf eine Anfrage der Bild-Zeitung antwortete der Senat zunächst ebenfalls nicht. Die Staatskanzlei äußerte sich am Freitag in einer Stellungnahme knapp: „Sofern im Rahmen der Analyse einzelne betroffene Personen identifiziert werden, werden diese risikobasiert und entsprechend den gesetzlichen Vorgaben von den zuständigen Senatsverwaltungen informiert.“ Die Kommunikation seitens Wegner und des Senats erinnert an das Debakel rund um den linksextremen Anschlag auf das Berliner Stromnetz Anfang des Jahres (JF berichtete).
Wegner meinte zunächst, es seien keine sensiblen Daten abgeflossen
Die Hacker hatten zwischen dem 7. und 12. August große Datenmengen aus der Verwaltung abgezogen und 30 Bitcoin verlangt, umgerechnet mehr als zwei Millionen Euro. Der Senat kam der Lösegeldforderung nicht nach. Daraufhin ging nach Angaben der Täter die gesamte Beute online – rund 5,26 Terabyte (JF berichtete).
„IT-Forensiker im Auftrag des Landes Berlin untersuchen die veröffentlichten Daten mit Hochdruck“, heißt es auf dem Hauptstadtportal. Noch am 19. August erklärte Wegner, es seien keine sensiblen Daten abgeflossen (JF berichtete). Im Gespräch mit der Bild-Zeitung am Samstag sprach der Regierende Bürgermeister nun davon, dass „offenkundig sensible Daten“ betroffen sind.
Massenhafter Identitätsbetrug möglich
Unter den Dateien sollen interne Papiere der Senatsverwaltung, Unterlagen zu politischen Entscheidungen und vertrauliche Verwaltungsakten sein. Die FAZ berichtet derweil auch von Zeugnissen, eingescannten Ausweisen und weiteren Personaldokumenten, die zu einem massenhaften Identitätsmissbrauch genutzt werden könnten. Betroffenen rät die Senatskanzlei, Strafanzeige zu erstatten.
Selbst Disziplinarakten landeten im Netz, teils mit dem Vermerk „Vertrauliche Personalsache!“. Der Tagesspiegel nennt zudem Gesundheitsdokumente unter dem im Darknet veröffentlichten Material wie Reha-Unterlagen, Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen und Atteste.
Abgeflossen seien außerdem Geburtsurkunden, Abwesenheitslisten, Telefonnummern und Wohnadressen von Landesbeamten sowie Baupläne und Notfall-Leitlinien. Einmal im Darknet gelten solche Bestände als dauerhaft kopierbar.
Neue Gefahr für kritische Infrastruktur
Fachleute sehen ein Risiko für die Sicherheit der Hauptstadt, das ganz Deutschland betreffen könnte. Zugänglich sollen Angaben zur Trinkwasserversorgung sowie Notfall- und Krisenpläne sein, dazu persönliche Daten von Privatleuten, Firmen und Sicherheitsbehörden.
Die Berliner Beauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit vermerkt einen schlichten Hinweis: „Um mögliche Folgen eines Datenschutzvorfalls zu verhindern beziehungsweise abzumildern, empfehlen wir Ihnen, geeignete Schutzmaßnahmen durchzuführen.“ (rsz)






