BERLIN. Bis vor wenigen Tagen war die Welt für Berlins SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach völlig in Ordnung. Mit einem böse blickenden Berliner Bären, der den blauen AfD-Pfeil zerbricht, und dem Spruch „Krach gegen Nazis“ ging er auf Wählerfang. Doch nun muss der 47-Jährige aufpassen, nicht an immer schwerer wiegenden Korruptionsvorwürfen der Staatsanwaltschaft Hannover zu zerbrechen.
Denn dort ist Krach Regionspräsident und hat sich für den Berliner Wahlkampf beurlauben lassen. Im Zusammenhang mit einem behördlichen Verfahren in Niedersachsen soll er vor neun Monaten eine Parteispende für die Berliner SPD gefordert haben. Außerdem soll er ein Bieterangebot unzulässig an einen Konkurrenten weitergegeben haben. Diese Vorwürfe erhebt die Staatsanwaltschaft gegen ihn; der letzte davon war bisher unbekannt.
Der Politiker, für den seine Partei auf Plakaten als „Regierenden Bürgermeister“ wirbt, weist die schweren Verdachtsmomente, die zu drei Razzien der Polizei in der Berliner SPD-Zentrale, in Krachs Hannoveraner Büros und in seiner Privatwohnung geführt haben (JF berichtete), zurück.
SPD kurz vor der Wahl in der Krise
Die spektakulären Durchsuchungen treffen die SPD im Schlussspurt des Wahlkampfes, der bislang ohnehin ziemlich ernüchternd verlief. In der am Donnerstag veröffentlichten Infratest-dimap-Umfrage, die den Skandal um Krach wegen der vorher stattgefundenen Befragung noch nicht abbildet, liegen die Sozialdemokraten mit nur zwölf Prozent abgeschlagen auf Platz fünf.
Es ist gut möglich, dass der Wert, der sich gerade um einen Punkt erholt hatte, nun wieder nach unten geht. In neun Tagen, am 20. September, wird in Berlin das Abgeordnetenhaus neu gewählt.

Die Staatsanwaltschaft Hannover hat nun mitgeteilt, dass sie gegen Krach auch wegen „wettbewerbsbeschränkender Absprachen bei Ausschreibungen in Tateinheit mit der Verletzung von Geschäftsgeheimnissen und der Verletzung der Geheimhaltungspflicht nach dem GmbH-Gesetz“ ermittelt.
Wenn es stimmt, was Krach am späten Donnerstagabend per Pressemitteilung erklärte, hält sie dem 47-Jährigen darüber hinaus in zwei Fällen Vorteilsannahme vor. Er teilte mit, die Anklagebehörde werfe ihm vor, eine Spende für die Berliner SPD „bei zwei Gelegenheiten im Zusammenhang mit einem behördlichen Verfahren“ gefordert zu haben.
Krach: Die Vorwürfe sind unbegründet
Außerdem gehe es um eine „behauptete unzulässige Weitergabe eines Bieterangebotes als Geschäftsgeheimnis im Zusammenhang mit einem Bieterverfahren für eine Immobilie“.
Beides bestreitet der Politiker: „Hierzu erkläre ich nochmals, dass diese Vorwürfe gegen mich unbegründet sind. Ich weise sie nachdrücklich zurück, sie treffen nicht zu.“ Er sei „sehr zuversichtlich, dass die Unbegründetheit der Vorwürfe das Ergebnis der Prüfung der Ermittlungsbehörden sein wird“.
Den Tränen nahe hatte Krach noch auf einer Pressekonferenz am Donnerstagmittag berichtet – bevor weitere Vorwürfe der Staatsanwaltschaft bekannt geworden waren –, dass die Polizei ihm sein Handy weggenommen habe, während er gerade telefonierte. Außerdem hätten die Beamten sogar unter dem Bett seines Kindes nach Beweismitteln gesucht.
Parteispende nach Einsatz für Bieter
Bei den Korruptionsvorwürfen geht es um den Verkauf eines früheren Krankenhausgeländes in Lehrte bei Hannover. Als Regionspräsident der niedersächsischen Landeshauptstadt und Umgebung sowie Vorsitzender des Aufsichtsrats des kommunalen Klinikums Region Hannover wollte Krach einen von ihm favorisierten Bieter durchdrücken, schaffte dies aber nicht. An dem Bieterverfahren, das im Oktober 2025 begann, beteiligten sich vier Unternehmen.
Am Donnerstag gab Krach offen zu, dass er eine „klare Präferenz“ für einen der beiden verbliebenen Bieter hatte. Doch der Aufsichtsrat überstimmte ihn und entschied sich für den Konkurrenten.
Aber: Noch während das Verfahren lief, spendete der von Krach favorisierte Unternehmer 9.900 Euro an die Berliner SPD – also knapp unter der gesetzlichen Meldepflicht für Parteispenden von 10.000 Euro. Das Geld ging am 29. Dezember 2025 auf dem Konto ein. Krach hatte sich da bereits als Regionspräsident beurlauben lassen, um sich in Berlin auf den bevorstehenden Wahlkampf vorzubereiten.
Krach behauptet nun, von der brisanten Zuwendung erst zehn Tage später erfahren zu haben. „Ich habe am 7. Januar 2026 um 15.11 Uhr die Information durch den Landesgeschäftsführer über diese Spende bekommen“, teilte er mit. „Am 8. Januar um 6.45 Uhr, also keine 24 Stunden später, habe ich per Mail die Weisung erteilt, dass diese Spende nicht angenommen werden darf und sofort zurücküberwiesen werden muss.“
Hat Krach Geheimnisse verraten?
Doch neben diesem brisanten Geldfluss ermittelt die Staatsanwaltschaft auch, warum der von Krach favorisierte Bieter sein Angebot plötzlich kurz vor Ende des Verfahrens erhöhte. Er hatte nämlich zunächst weniger geboten als der Mitbewerber. Nun aber lag sein Angebot sehr knapp über dem des anderen Unternehmens. Krach kannte die Summe, weil diese dem Aufsichtsrat bekannt war.

Der Verdacht: Krach habe seinem Favoriten die Höhe des anderen Angebots verraten, damit dieser es so anpassen kann, dass er vorn liegt. Auch das bestreitet der SPD-Politiker. Er habe zuletzt vor zweieinhalb Jahren mit dem Unternehmer Kontakt gehabt.
Die Führung der Berliner SPD um Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey und Fraktionschef Raed Saleh stellte sich geschlossen hinter ihren Spitzenkandidaten. Auch der SPD-Bundesvorsitzende Lars Klingbeil solidarisierte sich mit dem Verdächtigen noch am Donnerstag: „Steffen Krach hat die Rückendeckung und die Solidarität der SPD.“






