Fünf Bäume für 100.000 Euro. Eine Toilette für 355.700 Euro, die voraussichtlich an sechs Tagen im Jahr gebraucht wird. 370 Meter Radweg für eine Million Euro. Am heutigen Donnerstag hat der Bund der Steuerzahler sein neues Schwarzbuch 2026/27 veröffentlicht. Darin dokumentiert der Verband 100 Fälle, bei denen Bund, Länder und Kommunen mit dem Geld der Bürger alles andere als sparsam umgegangen sind.
Auf die großen, auf die offensichtlichen Fälle systematischer Steuergeldverschwendung, die jeder Bürger im Alltag beobachten kann, geht die Sammlung nicht ein. Es geht hier vielmehr um das Kleinvieh, das bekanntlich auch großen Mist macht.
Wie etwa im hessischen Neu-Anspach, wo im vergangenen Jahr vier Ulmen und eine Linde gepflanzt wurden. Kosten: 100.000 Euro. Der Bund steuerte davon 80.000 Euro bei. Grund für den stolzen Preis waren unter anderem gewaltige Pflanzgruben. Für einzelne Bäume wurden bis zu 61 Kubikmeter Erde ausgehoben. Die Förderbedingungen verlangten mindestens 36 Kubikmeter und einen aufwendigen Aufbau aus Schotter, Sand, Lehm, Humus und weiterem Substrat. Der Steuerzahlerbund rechnet vor, für die Summe hätten auch 50 herkömmlich gepflanzte Bäume angeschafft werden können. Der Fall trägt im Schwarzbuch den passenden Titel: „Fünf Bäume für 100.000 Euro“.
Was sich alles im neuen Schwarzbuch findet
Fast ebenso eindrucksvoll fällt die Rechnung in Hadamar aus. Auf einem Festplatz entsteht eine neue Toilettenanlage mit sechs Damen-WCs, einem barrierefreien WC, vier Pissoirs und zwei Herrenkabinen. Kostenpunkt: 355.700 Euro. Regelmäßig benutzt werden soll sie bei einer viertägigen Kirmes und einem zweitägigen Weihnachtsmarkt. Macht sechs Tage im Jahr. Hadamar selbst zahlt lediglich 30.700 Euro, 292.500 Euro kommen aus der Hessenkasse, weitere 32.500 Euro über ein zinsloses Darlehen des Landes. Der „stille Ort“ wird damit vor allem für den Steuerzahler teuer.
Im saarländischen Verkehrsministerium wiederum hat man beschlossen, ein rund 20 Jahre altes Experiment rückgängig zu machen. Das Saarland verwendet bislang grüne Fahrradwegschilder mit weißer Schrift, während im übrigen Deutschland weiße Schilder mit grüner Schrift üblich sind. Nun sollen die alten Schilder unabhängig von ihrem Zustand verschwinden.
Planung, Material und Montage kosten voraussichtlich rund 2,2 Millionen Euro. Allein ein Beratungsunternehmen erhält etwa 400.000 Euro für ein Wegweisungskonzept. Bezahlen soll überwiegend der Bund. Der Steuerzahlerbund nennt den Fall „Fahrradweg-Schilda im Saarland“.

Luftfilter für 1,22 Millionen landen auf dem Müll
In Landshut erinnern rund 300 entsorgte Geräte an die Corona-Zeit. Die Stadt hatte damals 362 mobile Raumluftfilter für Schulen und Kindertagesstätten angeschafft. Kosten: rund 1,22 Millionen Euro. Etwa 625.000 Euro kamen vom Freistaat Bayern, rund 595.000 Euro zahlte die Stadt selbst.
Nach der Pandemie wollten die meisten Schulen die sperrigen Geräte wieder loswerden. Von 318 zum Verkauf angebotenen Filtern fanden lediglich zwölf einen Käufer. Erlös: 808 Euro. Als selbst ein Startpreis von 25 Euro pro Gerät keine Interessenten mehr lockte, gab Landshut auf. Rund 300 Geräte wurden entsorgt. Allein ihre Abholung kostete noch einmal 13.396,88 Euro. Zuvor waren zwischen 2022 und 2024 mehr als 325.000 Euro Unterhaltskosten angefallen. Im Schwarzbuch heißt der Fall schlicht „Luftfilter, die keiner mag“.
Im Kreis Böblingen ging es dagegen bergauf. Und genau das war das Problem. Ein 370 Meter langer Abschnitt eines Radweges zwischen Aidlingen und Dagersheim hatte eine Steigung von 17 Prozent. Künftig sollen es nur noch sieben Prozent sein. Dafür wurde die Böschung aufgeschnitten und unter anderem mit einer Spritzbetonschale sowie 300 Mikropfählen gesichert. Rechnung für die 370 Meter Radweg: eine Million Euro. Mehr als 550.000 Euro übernimmt Baden-Württemberg, gut 412.000 Euro der Bund. Der Landkreis trägt damit nicht einmal zehn Prozent selbst.
In Bad Gandersheim verwandelte sich die geplante Sanierung eines Freibads in ein erheblich größeres Projekt. Ursprünglich sollte das marode Bad schlicht instand gesetzt werden. Im Vorfeld der Landesgartenschau 2023 entstand jedoch die Idee eines Natur-Solefreibads mit biologischer Wasseraufbereitung. Fördergeld in Höhe von einer Million Euro winkte. Aus anfangs geschätzten zwei Millionen Euro wurden am Ende einschließlich Planung und Sanitäranlagen rund sechs Millionen Euro. Statt der erwarteten mindestens 40.000 Besucher pro Jahr kamen in den ersten beiden Spielzeiten zusammen lediglich rund 20.000 zahlende Gäste. Das jährliche Defizit stieg auf etwa 200.000 Euro. Im Schwarzbuch geht die „Gartenschau-Attraktion baden“.
Neun Millionen Euro für 50 Meter Brücke
Auch Mannheim kann Brücke. Seit diesem Jahr verbindet der Franklin-Steg die Stadtteile Franklin und Vogelstang über die B38. Das Bauwerk aus Holz ist 50 Meter lang und gilt als technische Besonderheit. Besonderes gilt allerdings auch für den Preis. Ursprünglich sollte die Brücke 5,9 Millionen Euro kosten. Inzwischen rechnet die Stadt mit rund 9,2 Millionen Euro. Das entspricht rechnerisch rund 184.000 Euro pro Brückenmeter. Die förderfähigen Kosten trägt aufgrund einer zeitweiligen Sonderregelung vollständig der Bund. Der Steuerzahlerbund fragt deshalb, ob sich Mannheim die teure Brücke auch gegönnt hätte, wenn die Stadt selbst einen größeren Teil hätte bezahlen müssen.
In Einbeck dauerte es unterdessen zwölf Jahre, einen Stadtplatz neu zu gestalten. 2014 begannen die Planungen für den Neustädter Kirchplatz. 2017 ging die Stadt noch von 2,3 Millionen Euro aus. Ein Jahr später errechneten die Planer bereits 4,2 Millionen Euro. Es wurde abgespeckt, neu geplant, gebaut, wieder umgeplant und nachfinanziert. Im Mai 2026 lag die Rechnung schließlich bei knapp sieben Millionen Euro. Der ursprünglich geplante Brunnen wurde unterwegs durch ein günstigeres Fontänenfeld ersetzt. Der Schwarzbuch-Titel stellt die naheliegende Frage: „Ein Dutzend Jahre für einen einfachen Stadtplatz?“
Noch größer sind die Summen bei einem Verkehrsprojekt in Mecklenburg-Vorpommern. Der regionale Nahverkehrsanbieter Rebus kaufte 52 Wasserstoffbusse. Rund 40 Millionen Euro kosteten die Fahrzeuge, weitere sechs Millionen Euro die beiden Tankstellen. Der Bund förderte die Busse mit knapp 18 Millionen Euro, der Landkreis steuerte weitere 7,8 Millionen Euro bei. Problematisch findet der Steuerzahlerbund vor allem, dass die ursprünglich geplante leistungsfähige regionale Wasserstoffwirtschaft bislang nicht entstanden ist und der Kraftstoff teuer bleibt. Das Umweltbundesamt beziffert den Wirkungsgrad eines batterieelektrischen Fahrzeugs auf rund 70 Prozent, bei einem Brennstoffzellenfahrzeug sind es lediglich etwa 25 bis 35 Prozent. Das Schwarzbuch spricht von „Mit Fördergeld falsch abgebogen“.
Der Bund bezahlt den Wald komplett
Den teuersten Fall dieser Auswahl liefert Sachsen-Anhalt. Die Nabu-Stiftung Nationales Naturerbe kaufte bei Stolberg knapp 1.000 Hektar Buchenmischwald, um dort eine Waldwildnis zu schaffen. Kaufpreis plus Nebenkosten: knapp 31,8 Millionen Euro. Bezahlt wurde die Summe vollständig vom Bundesumweltministerium über das Programm „KlimaWildnis“.
Brisant ist vor allem der Preis. Ein Gutachten hatte den Verkehrswert mit 2,56 Euro pro Quadratmeter angesetzt. Gezahlt wurden drei Euro. Nach Berechnung des Steuerzahlerbundes liegt der Kaufpreis damit rund 4,66 Millionen Euro oder 17,2 Prozent über dem gutachterlich ermittelten Wert. Üblicherweise verlangt das Förderprogramm zudem einen Eigenanteil von fünf Prozent. Auch darauf wurde in diesem Fall verzichtet. Das Schwarzbuch spricht von einer „inakzeptablen Vollfinanzierung“.
Was die Fälle verbindet, ist weniger die Frage, ob Bäume, Radwege, Schwimmbäder oder öffentlicher Nahverkehr grundsätzlich sinnvoll sind. Das neue Schwarzbuch legt den Finger an einen anderen Punkt: Je größer der Anteil fremder Fördergelder an einem Projekt wird, desto schwächer kann der Anreiz ausfallen, auf den letzten Euro zu achten. Denn auch wenn auf der Rechnung Bund oder Land steht, kommt das Geld am Ende aus derselben Quelle.





