KARLSRUHE. Die Bundesanwaltschaft hat die Ermittlungen gegen den mutmaßlichen Strom-Saboteur Daniel V. übernommen. Der 48 Jahre alte Deutsche soll Anschläge auf Hochspannungsleitungen in Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Sachsen verübt haben. Die Ermittler gehen davon aus, dass er großflächige Stromausfälle verursachen wollte.
Die Karlsruher Behörde wirft dem Beschuldigten versuchte und vollendete verfassungsfeindliche Sabotage sowie die versuchte und vollendete Störung öffentlicher Betriebe vor.
Zuvor hatten die Generalstaatsanwaltschaft Dresden sowie die Staatsanwaltschaften Cottbus und Köln getrennt gegen den Mann ermittelt. Am Dienstag wurde der Verdächtige in einem getarnten Zelt in der Nähe des Braunkohlekraftwerks Weisweiler bei Aachen festgenommen (die JF berichtete). Zwei Autobahnpolizisten waren durch niedergetretenes Gras auf sein Versteck aufmerksam geworden.
Raketen sollten Kurzschlüsse auslösen
Nach dem bisherigen Stand der Ermittlungen platzierte Daniel V. zu unterschiedlichen Zeitpunkten Silvesterraketen oder ähnliche Gegenstände unter Hochspannungsleitungen. Die Vorrichtungen waren mit Zündern, Zeitschaltern und Drähten verbunden. Zu vorgegebenen Zeiten sollten sie in Richtung der Leitungen geschossen werden und dort Kurzschlüsse verursachen.
An den Umspannwerken Turnow-Preilack in Brandenburg und Bergheim-Rheidt in Nordrhein-Westfalen ging der Plan am 1. September teilweise auf. In beiden Fällen entstanden Kurzschlüsse, die eine Notabschaltung der betroffenen Leitungen erforderlich machten. In Bergheim-Rheidt mussten zudem zwei nahe gelegene Braunkohlekraftwerke abgeschaltet werden. Auch die Stromversorgung eines angrenzenden Ortes war zeitweise beeinträchtigt. In Ostsachsen entdeckten die Ermittler später an zwei Umspannwerken im Landkreis Görlitz insgesamt zwölf weitere selbstgebaute Spreng- oder Abschussvorrichtungen.
Auch in Nordrhein-Westfalen fanden die Beamten zahlreiche vorbereitete Anlagen. Laut Berichten wurden dort inzwischen mehr als 40 Abschussvorrichtungen entdeckt. Noch am Montagabend zündete während der laufenden Fahndung eine weitere Rakete in der Nähe des Kraftwerks Weisweiler. Sie verfehlte die Hochspannungsleitung und verursachte keinen Schaden.
Mehr als 160 mögliche Anschlagsziele
In einem Fahrzeug des Verdächtigen stießen die Ermittler außerdem auf ein Notizbuch. Darin soll Daniel V. mehr als 160 bereits aufgesuchte oder mögliche künftige Sabotageziele vermerkt haben. Dem Haftrichter nannte er später sieben weitere Orte, an denen er Material gelagert haben soll. An mehreren dieser Stellen wurden die Beamten fündig.
Der Beschuldigte soll seine Taten in mehreren Schreiben unter seinem vollständigen Namen für sich reklamiert haben. Darin begründete er die Angriffe Berichten zufolge mit seinem Kampf gegen fossile Energieträger. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) sprach nach den ersten Anschlägen von möglichem „Klimaextremismus“. Ob Daniel V. allein handelte, ist weiterhin Gegenstand der Ermittlungen.
Die Bundesanwaltschaft begründet ihre Zuständigkeit mit der besonderen Bedeutung des Falles. Die Anschläge seien länderübergreifend erfolgt und hätten mutmaßlich großflächige Stromausfälle herbeiführen sollen. Damit seien sie geeignet gewesen, das Vertrauen der Bevölkerung in den Schutz der kritischen Infrastruktur zu erschüttern und die innere Sicherheit der Bundesrepublik zu beeinträchtigen.
Daniel V. befindet sich aufgrund eines Haftbefehls des Amtsgerichts Cottbus in Untersuchungshaft. Zur Anpassung des Haftbefehls soll er einem Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs vorgeführt werden. Die weiteren Ermittlungen führt das Bundeskriminalamt. (rr)





