Es ist eine Geschichte wie aus einem Spionageroman. Die junge Journalistin Xenia Fedorova wird aus Frankreich ausgewiesen, weil sie im Verdacht steht, eine russische Agentin zu sein. Doch sie wehrt sich, spricht von „politischer Verfolgung“ – und erhält Unterstützung aus einflussreichen Kreisen. Die Chefredakteurin des russischen Auslandssenders RT en Français leistet sich eine Fehde mit Staatspräsident Emmanuel Macron persönlich – dabei hat die Ingenieurstochter klein angefangen.
1980 in Kasan geboren, zog Fedorova in den Neunzigern mit ihrer Familie nach Wien, um den Wirren nach dem Ende der Sowjetunion zu entkommen. Für das Studium ging sie nach Berlin an die Steinbeis-Privathochschule, wo sie 2014 einen Master in „Creative Leadership“, einen Mix aus PR, Journalismus und Kunstwissenschaften, machte. Der Aufenthalt in Deutschland soll ihr laut FAZ bereits von RT finanziert worden sein. Chefredakteurin Margarita Simonjan habe die Nachwuchsreporterin unter ihre Fittiche genommen. Fedorova war da schon fast zehn Jahre für den Auslandsfunk tätig, wo sie etwa über den Krieg in Georgien 2008 berichtete.
Die Pariser Gerüchteküche brodelt
2017 machte sich diese Arbeit für Fedorova bezahlt. Sie wurde als Chefredakteurin des neuen Senders RT en Français nach Paris geschickt. Dort lernte sie den Medienmogul Vincent Bolloré kennen, dem neben der Sonntagszeitung Le Journal du Dimanche auch die TV-Sender CNews und Europe 1 gehören. Regelmäßig trat sie im Imperium des 74jährigen auf, gab Interviews, schrieb Kolumnen. Seine konservative Denkfabrik Institut de l’Espérance (Institut der Hoffnung) lud die Journalistin immer wieder ein. Selbst ihre Autobiographie erschien 2025 in Bollorés Verlag Fayard.
Die Pariser Gerüchteküche brodelte: der Multimillionär leiste sich eine Affäre. Vor allem die Söhne des Unternehmers störten sich Le Monde zufolge daran. Was genau zwischen Bolloré und Fedorova geschah, bleibt allerdings im Dunkeln.
Daraufhin wurde die Journalistin Ende Juli ausgewiesen. Offiziell, weil sie mit ihren Berichten dazu beitrage, das „Vertrauen in demokratische Institutionen zu untergraben“. Anders als Kollegen spricht Fedorova beim Krieg in der Ukraine tatsächlich von einer „militärischen Spezialoperation“ und bezeichnet die Annexion der Krim als „Wiedervereinigung“. 2017 hatte die Journalistin Präsident Macron höchstpersönlich mit der Frage konfrontiert, wieso er den neuen Sender schäbig behandele. Zuvor war ihren Kollegen die Akkreditierung verweigert worden.
Xenia Fedorova: Einreiseverbot in Deutschland
Wo Fedorova jetzt steckt, ist nicht bekannt. In Deutschland hat sie schon seit 2024 Einreiseverbot. Gerade dort scheint sie sich unlängst um die Leitung des Russischen Hauses in Berlin beworben zu haben. Ein weiteres Politikum, denn auch diese Kultureinrichtung steht unter Spionageverdacht. Die diplomatischen Verwerfungen zwischen Berlin und Moskau nach dem vereitelten Anschlag auf dem Leipziger Flughafen haben unlängst zur Schließung der Kultureinrichtung geführt.
So hat die Russin in Frankreich einen veritablen Kulturkampf heraufbeschworen. Doch kann man sie nur deshalb als russische Agentin bezeichnen? Sicher nicht. Kann man hingegen beweisen, dass sie keine ist? Auch nicht. Es ist am Ende wohl so ähnlich wie im Romanklassiker „Der Spion, der aus der Kälte kam“ von John le Carré, dessen Clou gerade darin besteht, dass die Agenten nie wissen, ob sie wirklich welche sind.






