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Pastorale Reise: Wie Frankreich durch den Papst seine katholischen Wurzeln wiederentdeckt

Pastorale Reise: Wie Frankreich durch den Papst seine katholischen Wurzeln wiederentdeckt

Pastorale Reise: Wie Frankreich durch den Papst seine katholischen Wurzeln wiederentdeckt

Papst Leo XIV. in Frankreich: In Metz segnet er ein Kleinkind. Foto: picture alliance / Hans Lucas | Vatican Media
Papst Leo XIV. in Frankreich: In Metz segnet er ein Kleinkind. Foto: picture alliance / Hans Lucas | Vatican Media
Papst Leo XIV.: In Metz wurde aus der französischen eine europäische Frage. Foto: picture alliance / Hans Lucas | Vatican Media
Pastorale Reise
 

Wie Frankreich durch den Papst seine katholischen Wurzeln wiederentdeckt

2024 sorgte bei den Olympischen Spielen in Paris eine Abendmahls-Parodie für Empörung. Jetzt zieht Papst Leo XIV. mit Heiligenfiguren und Hunderttausenden Gläubigen durch dieselbe Stadt. Was seine Frankreich-Reise bedeutet.
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Über 80.000 Jugendliche beten im Stade de France das lateinische Salve Regina. 800.000 Menschen feiern die Messe auf der Place de la Concorde, wo Ludwig XVI. unter der Guillotine starb. Vier Tage lang erlebt Frankreich etwas, das im säkularisierten Westen fast aus der Zeit gefallen schien: einen Papst als Massenphänomen.

Als Papst Leo XIV. am 25. September in Paris eintraf, war Frankreich auf Staatsprotokoll und Laizitätsdebatten vorbereitet. Stattdessen bekam die Nation Begeisterung. Le Monde beschrieb Leo XIV. im Stade de France als einen Mann, der „wie ein Rockstar“ empfangen wurde. Am Ende sprach selbst Emmanuel Macron von einer „gläubig bewegten, geeinten und glücklichen Nation“: „Glücklich wie Papst Leo bei uns.“

„Léomanie“ ist dafür kein schlechter Begriff. Frankreich wurde nicht über Nacht wieder katholisch. Aber eine sich selbst kleiner gemachte katholische Kirche zeigte plötzlich junge, öffentlich sichtbare Gesichter. Le Monde spricht vorsichtig von einer „katholischen Renaissance“; zu Ostern 2026 wurden mehr als 21.000 Erwachsene und Jugendliche getauft.

Unzählige Gläubige empfingen den Papst in Paris. Foto: picture alliance / SIPA | J.E.E

Papst Leo XIV.: „Ihr seid die Heiligen Frankreichs!“

Über der pastoralen Reise des Kirchenoberhaupts stand der Satz aus dem Johannesevangelium: „Damit die Welt das Leben hat.“ In Frankreich bekam er politische Tiefenschärfe. Seit 1975 veränderte der Gesetzgeber die Regeln bei Abtreibung, Ehe, Fortpflanzung und Tod bis hin zur Erhebung von Abtreibung zum Verfassungsrecht 2024 und der Euthanasie im Sommer 2026. Der Papst stellte die Frage, wie Freiheit, Lebensschutz und Verantwortung zusammengehören.

Der stärkste Augenblick kam dann am Freitagabend in Saint-Denis. In unmittelbarer Nähe der Königsnekropole, wo ein Drittel der Bevölkerung Immigranten sind, zogen vor 80.000 Jugendlichen die Heiligen Frankreichs vorbei: Märtyrer, Jeanne d’Arc, Thérèse von Lisieux, Charles de Foucauld. Le Monde sah darin Anklänge an den historischen Themenpark Puy du Fou. Dann wich Leo XIV. von seinem Text ab: „Danke für euren Mut, danke für eure Anwesenheit, danke für euren Glauben. Ihr seid die Heiligen Frankreichs!“

Das Stadion bebte. Mit einem Satz drehte er die Perspektive für die Jugend Frankreichs. Aus der Trauer über das vergangene katholische Frankreich erwuchs der Aufruf, die katholische Zukunft der Nation in die eigenen Hände zu nehmen. Zum Abschluss sang das Stadion das Salve Regina auf Lateinisch.

Kein Vergleich zu den Olympischen Spielen 2024

Am Samstag verdichtete sich diese historische Dramaturgie. Leo XIV. betete in Saint-Joseph-des-Carmes, am Erinnerungsort jener Hunderter von Geistlichen, die 1792 während der Revolution getötet wurden. Wenige Stunden später stand er auf der Place de la Concorde, der früheren Place de la Révolution, auf der der katholische König Ludwig XVI. 1793 guillotiniert worden war.

233 Jahre später stand dort kein Schafott, sondern ein Altar. Rund 800.000 Menschen feierten die Messe zwischen Concorde und Champs-Élysées. Kein Schaufenster ging zu Bruch. Keine Restauration, kein Angriff auf die Republik. Aber die Erinnerung daran, dass Frankreich älter ist als 1789. Bei Fußballnächten verbarrikadieren Geschäfte an den Champs-Élysées ihre Schaufenster wegen einer Handvoll Fußballrandalierern.

Über dem Wochenende lag noch die Erinnerung an die Olympischen Spiele 2024. Damals beklagte die französische Bischofskonferenz „Szenen der Verhöhnung und Verspottung des Christentums“; die Organisatoren bestritten eine Parodie des Letzten Abendmahls mit halbnackten Dragqueens. Marie-Antoinette erschien enthauptet vor der Conciergerie. Zwei Jahre später bot dieselbe Hauptstadt ein Gegenbild: Heilige statt Revolutionäre, Jeanne d’Arc statt der enthaupteten Königin, wirkliche Eucharistie der Nation statt der umstrittenen Abendmahls-Blasphemie.

Deutschland und Frankreich blieben Stabilitätsanker

Papst Leo XIV. selbst stellte diesen Zusammenhang nicht her; kulturell war der Kontrast unübersehbar. Macron würdigte die christliche Geschichte Frankreichs und betonte, Laizität sei „keineswegs die Verneinung der Religion“. Leo sprach von christlichen Wurzeln, ohne die Republik abzulehnen. Bei Euthanasie wurde er deutlich: „Niemals darf die Medizin zur Dienerin des geplanten Todes werden.“

Papst Leo XIV. in der Kathedrale von Metz mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. Foto: picture alliance / abaca | ABACA

In Metz wurde dann aus der französischen eine europäische Frage. Leo XIV. warnte vor der „Illusion der Wiederaufrüstung“ und verband Europas christliche Geschichte mit Integration und interreligiösem Frieden. Bischof Wilmer, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz auf dem anderen Rheinufer, sandte von Fulda aus seine Grüße. Papst Leo unterstrich, dass Deutschland und Frankreich die Stabilitätsanker des europäischen Kontinents bleiben, auch wenn beide Ankerpunkte derzeit schwächeln.

Der Vergleich mit den Vorgängern zeigt, was 2026 neu ist. Johannes Paul II. mobilisierte 1988 auch in Frankreich große Mengen; seine geschichtliche Wirkung entfaltete sich aber vor allem im kommunistischen Mittel- und Osteuropa. Seine Polenreise von 1979 wurde zum Katalysator jener Bewegung, aus der Solidarność hervorging. JP2 erweckte Osteuropa. Die „Generation Johannes Paul II.“ wuchs mit den Weltjugendtagen auf, selbst wenn sie heute belanglos ist.

Ganz Westeuropa muss sich wiederentdecken

Benedikt XVI. hinterließ 2008 vor allem eine intellektuelle Spur. Im Collège des Bernardins sprach er über Glaube, Vernunft und Europas kulturelle Wurzeln. Eine „Generation Benedikt“ wurde erhofft, doch der stille Theologe wurde nie zum Papst-Star seines Vorgängers.

Heute ist es der aus den Vereinigten Staaten stammende Leo XIV., der im säkularisierten Westen ein Massenphänomen auslöst. Leo erweckt den katholischen Westen. Der Vergleich mit Karol Józef Wojtyła muss vorsichtig bleiben: 1989 lässt sich historisch einordnen, 2026 noch nicht. Johannes Paul II. erinnerte den kommunistischen Osten daran, dass seine nationale und religiöse Identität älter war als das politische System. Leo XIV. stellt Westeuropa eine andere Frage: Weißt du noch, woher du kommst?

Vielleicht ist das die eigentliche Léomanie: keine Rückkehr in die Vergangenheit, sondern die Entdeckung, dass Wurzeln wieder austreiben.

Aus der JF-Ausgabe 41/26.

Papst Leo XIV.: In Metz wurde aus der französischen eine europäische Frage. Foto: picture alliance / Hans Lucas | Vatican Media
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