PARIS. Frankreichs Schülerproteste haben sich binnen weniger Tage zu gewaltsamen Auseinandersetzungen ausgeweitet. Nach Angaben von Innenminister Laurent Nuñez waren am Mittwoch 356 Einrichtungen von Blockaden und Störungen betroffen. Er meldete 625 Festnahmen und 83 verletzte Polizisten und Gendarmen. Bildungsminister Édouard Geffray sprach von insgesamt 119 verletzten Schülern und Schulbeschäftigten seit Beginn der Unruhen.
Ausgangspunkt waren Proteste gegen fehlende Lehrer und schlechte Lernbedingungen im Großraum Paris. Inzwischen gibt es auch in Lyon, Lille und anderen Städten Blockaden und Gewalt.
Während Schüler mehr Unterricht und bessere Ausstattung verlangen, werden vor manchen Schulen Mülltonnen angezündet und Polizisten mit Gegenständen beworfen. Auch Lehrer geraten ins Visier. Geffray berichtete von einem geschlagenen Lehrer, einem durch einen Feuerwerkskörper verletzten Schulleiter und einer Todesdrohung gegen einen weiteren. Die Linkspartei La France insoumise (LFI) stellt sich demonstrativ an die Seite der Jugendlichen. Parteigründer Jean-Luc Mélenchon erklärte am Dienstag, seine Partei sei stolz darauf, „unsere Kinder“ gegen die „Barbarei der Polizei“ zu verteidigen. Damit verschiebt er den Streit: Aus Forderungen nach mehr Lehrern und funktionierenden Schulen wird eine Auseinandersetzung mit der Staatsmacht.

Ein Bürgermeister erklärt Gewalt für legitim
Besonders deutlich zeigt sich das am Lycée Paul-Éluard in Saint-Denis. Dort hatten Vermummte am Montag Polizisten mit Steinen und Böllern angegriffen, die Beamten setzten Tränengas ein. Am folgenden Tag erschien LFI-Bürgermeister Bally Bagayoko vor der Schule und versicherte den Jugendlichen seine Unterstützung. Gewalt könne legitim sein, erklärte er.
Bagayoko bezog sich dabei auf mögliche Übergriffe der Polizei. Er verglich die Situation mit einer Ohrfeige, auf die der Betroffene reagiere, und verwies auf Jugendliche, die von Polizeigeschossen getroffen würden. Zugleich schränkte er ein, Gewalt solle möglichst vermieden werden. Dennoch gab er gewaltsamer Gegenwehr eine politische Rechtfertigung. Schüler feierten ihn anschließend und trugen ihn auf den Schultern.
Der Pariser Polizeipräfekt Patrice Faure meldete die Äußerungen der Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts eines Aufrufs zu Straftaten. Die konservative Präsidentin der Hauptstadtregion, Valérie Pécresse, nannte LFI „Brandstifter im Feuerwehrkostüm“. Sie kündigte an, Bagayoko eine Rechnung über 100.000 Euro für das beschädigte Schultor, Bewachung und Reinigung zu schicken. Eine gerichtlich festgestellte Verantwortung des Bürgermeisters ist das bislang nicht.
In Saint-Denis 🇫🇷 blockieren Schüler gewaltsam eine Schule. Sie protestieren gegen Gebäude, lange Schultage und schlechtes Essen in der Kantine. Es gab Hunderte Festnahmen und Verletzte.
Der schwarze, linksextreme Bürgermeister von Saint-Denis, Bally Bagayoko stellt sich auf… pic.twitter.com/YEcvomMgVR
— 🅲🅾🆇🆇 (@queru_lant) September 30, 2026
Die Regierung kennt den Unterrichtsausfall
Die Missstände, gegen die sich der Protest ursprünglich richtete, sind allerdings gut dokumentiert. Nach einer Untersuchung des französischen Bildungsministeriums wurden im Schuljahr 2024/25 an öffentlichen weiterführenden Schulen 9,8 Prozent der vorgesehenen Unterrichtsstunden nicht erteilt. Davon entfielen 7,5 Prozentpunkte auf fehlende Vertretungen für abwesende Lehrer und 2,3 auf vollständige Schulschließungen. An den am stärksten betroffenen Einrichtungen fiel mehr als jede siebte Stunde aus.
Schüler aus Saint-Denis berichteten der Neuen Zürcher Zeitung zudem von Schimmel, Ungeziefer, undichten Räumen und fehlender Belüftung. Geffray erkannte die Berechtigung schulbezogener Forderungen ausdrücklich an. Die Regierung steht damit vor Problemen, die sich durch die Räumung blockierter Eingänge nicht beheben lassen.
Die Verantwortung verteilt sich auf mehrere Ebenen. Lehrer werden vom Staat ausgebildet, zugewiesen und bezahlt. Für Gebäude, Ausstattung und Unterhalt der Lycées sind dagegen die Regionen zuständig, in der Hauptstadtregion also die von Pécresse geführte Verwaltung. Bagayoko kann sich vor Ort als Unterstützer der Schüler präsentieren, ohne selbst die entscheidenden Lehrerstellen zu besetzen oder die Sanierung des Lycées zu verantworten.

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Die Eskalation verspricht Aufmerksamkeit
Mélenchon betonte am Mittwoch, seine Partei rufe zu gewaltfreien Protestformen auf. Zugleich warf er Präsident Emmanuel Macron vor, Polizeigewalt gegen Jugendliche angeordnet zu haben. Vorwürfe gegen Beamte werden tatsächlich untersucht: Die Polizeiaufsicht IGPN befasst sich mit drei Einsätzen in Sevran, Saint-Ouen-l’Aumône und Tours. Ob dort rechtswidrig gehandelt wurde, müssen diese Ermittlungen klären. Mélenchons pauschale Anklage nimmt das Ergebnis politisch vorweg.
Unterdessen schildern einzelne Schüler eine Erfahrung, die weitere Ausschreitungen begünstigen kann. Eine friedliche Blockade habe kaum Aufmerksamkeit erhalten, sagte eine 17-Jährige zu Medien. „Erst wenn es knallt, hört man uns zu.“ Ein Mitschüler berichtete von Zusagen für einen zusätzlichen Aufenthaltsraum und Ventilatoren.
Ab kommenden Montag will die Regierung eine digitale Plattform öffnen, auf der Schüler ihre Forderungen einbringen können. Anschließend sollen die Anliegen landesweit ausgewertet werden. Die Schülerorganisationen setzen vorerst auf weiteren Druck und haben für Donnerstag sowie den kommenden Dienstag neue Aktionen angekündigt. (rr)





