Es sind harte Vorwürfe, die Brigitte Kranendonk dem Pflegeheim „The Pearl“ in Kanada macht: Es habe ihre Großmutter, die 83jährige Brigitte Stegemann, ermordet, indem es die Frau gegen ihren Willen zum medizinisch assistierten Suizid (MAiD) gezwungen habe. Stegemann sei ein verletzlicher Mensch gewesen und das beteiligte Personal habe diese Eigenschaft ausgenutzt, erzählte ihre Enkelin bestürzt der Daily Mail.
Doch was war eigentlich passiert? Kranendonk betreute ihre Großmutter zwölf Jahre lang und war in den vergangenen sechs Jahren ihre Bevollmächtigte. Da sich ihr Zustand aber verschlechterte, entschied sich die Familie 2025 dazu, sie in einem Pflegeheim unterzubringen. Im Februar dieses Jahres wurde bei ihr Magenkrebs diagnostiziert. Ärzten zufolge habe sie nur noch zwischen sechs Monaten und zwei Jahren zu leben.
Die Enkelin sprach deswegen mit Stegemann über verschiedene Möglichkeiten. Wegen ihrer Religiosität habe sie medizinisch assistiertes Sterben instinktiv abgelehnt. Und als ihr ein Venenport zur Verabreichung von Medikamenten eingesetzt wurde, habe sie diesen mehrmals herausgerissen. „Ich will keine Todesspritze!“, habe sie geschrien.
Suizid-Plan wurde heimlich abgewickelt
Im Juni erhielt Kranendonk während eines Urlaubs einen Anruf vom Pflegeheim. Mit ihrer Großmutter sei eine Untersuchung für einen attestierten Suizid vereinbart worden. Als die Enkelin wieder aus dem Urlaub kam, habe es das erste Gespräch bereits gegeben.
Im zweiten Gespräch am 7. Juli war sie dabei und sah, dass Stegemann jede Frage eines kognitiven Tests falsch beantwortet habe. Laut Kranendonk behauptete sie, dass all ihre Geschwister bereits verstorben seien, obwohl zwei von 13 noch lebten und sie einen von ihnen erst anderthalb Monate zuvor sahen. Doch die Fragen habe das Personal sowieso nicht überprüfen können, da diese Informationen zuvor nicht abgefragt worden seien. „Es gab nichts Konkretes. Sie sollen eine kognitive Untersuchung durchführen, und trotzdem haben sie Fragen ausgewählt, deren Antworten sie nicht überprüfen können“, sagt Kranendonk.
Zudem habe der Arzt den Tod nie direkt angesprochen, sondern Formulierungen wie „Wir werden Ihnen Medikamente geben, Sie werden sich friedlich fühlen“ verwendet. Im weiteren Verlauf schickte der Arzt die Enkelin aus dem Raum. Nach dem Test habe er ihr mitgeteilt, dass Stegemann für den Suizid geeignet sei. Als Termin wurde der 10. Juli angesetzt. Dabei müsse nach den Richtlinien der kanadischen Regierung ein Patient geistig zurechnungsfähig sein. Am selben Tag habe die ältere Frau jedoch die Namen ihrer Tochter und ihrer Enkelin verwechselt.
Vorverlegter Todestag?
Kranendonk habe versucht, so viel Zeit wie möglich mit Stegemann zu verbringen. Und immer, wenn sie den geplanten Suizid hinterfragen wollte, habe sie das Gefühl gehabt, von dem Personal des Pflegeheims als verrückt oder lästig dargestellt zu werden. „Ich glaube wirklich, dass eine Krankenschwester uns als Hindernis gesehen hat“, führte sie aus.

Am 8. Juli habe eine Krankenschwester angerufen und gesagt, dass der Termin auf den 9. Juli vorverlegt werde, weil der Arzt da bereits Zeit habe. Die Enkelin weigerte sich jedoch. Sie beschwerte sich beim Leiter des Pflegeheims und forderte, Einblicke in die Unterlagen zum geplanten Suizid zu erhalten. Laut dem Leiter seien diese aber bereits von Stegemann unterzeichnet worden. „Ich weiß nicht, wer der Zeuge war. Ich weiß nicht, wie sie ihr die Unterlagen erklärt haben. Ich weiß nicht, was sie ihr gesagt haben. Ich habe keine Ahnung“, empörte sich die Enkelin. Bis heute habe sie die Unterlagen nicht gesehen.
Am selben Tag fragte Kranendonk ihre Großmutter, ob sie wisse, dass sie in 48 Stunden sterben würde. Stegemann habe daraufhin 45 Minuten geweint und gesagt, dass sie einen Fehler gemacht habe. „Sie hat hemmungslos geweint. Sie war untröstlich“, berichtete die Enkelin.
„Wir sind jetzt also Teil davon“
Am 10. Juli sei während der Durchführung des Suizides einiges schiefgelaufen. „In diesem Pflegeheim hatte zuvor noch niemand MAiD durchgeführt: Es war ihr allererstes MAiD-Verfahren“, sagte die Enkelin. „Deshalb weiß ich nicht, ob sie einfach versagt haben, weil sie nicht wussten, was sie taten.“
Zu Beginn habe die Krankenschwester es nicht geschafft, der alten Frau eine Nadel richtig in die Vene zu stechen. Erst nach mehreren Stichen sei sie auf den linken Arm ausgewichen, doch es sei schon längst viel Blut geflossen. „Es ist überall auf dem Arm meiner Oma, überall auf ihrem Nachthemd, es sickert durch ihr Kissen, überall auf den Bettlaken, es ist so viel Blut“, erzählte die Enkelin. Die Krankenschwester habe während des gesamten Vorganges keine Handschuhe getragen und zudem von den anwesenden Familienmitgliedern gefordert, ihre Utensilien herüberzureichen. „Wir sind jetzt also Teil davon.“
Arzt will nur „Medizin“ verabreichen
Als der Arzt den Raum betrat, habe er Stegemann gesagt, dass er gekommen sei, um ihr „Medizin“ zu verabreichen. Auf seine Frage, ob das in Ordnung sei, habe sie aber nicht geantwortet. „Meine Oma bewegt sich nicht. Sie öffnet nicht die Augen. Sie nickt nicht. Sie sagt nichts, und der Arzt sagte einfach: ‚Okay, dann werde ich fortfahren.‘“
Zehn Minuten später wurde die alte Frau für tot erklärt. Doch woran genau sie starb, sei nicht klar. Weder vor noch nach dem Verfahren sei ihr Herzschlag überprüft worden.
Enkelin strebt nach Sterbehilfe Untersuchung an
Nachdem sich der Fall im Juli ereignet hat, strebt sie aktuell eine Untersuchung an. Ihr zufolge habe das beteiligte Personal ideologisch gehandelt. Ein Sprecher der Polizei von Belleville bestätigte der Zeitung, dass dieser Vorfall noch offen sei und „von unserer Abteilung für kriminalpolizeiliche Ermittlungen untersucht“ werde. „Wir können zum jetzigen Zeitpunkt keine weiteren Informationen zur Verfügung stellen.“
Weltweit hat Kanada eine der höchsten Sterbehilferaten. 2024 gab es 16.499 MAiD-Fälle. Damit gingen 5,1 Prozent aller Todesfälle auf medizinisch assistierten Suizid zurück. Nur die Niederlande haben eine höhere Quote, 2024 lag sie bei mindestens 5,3 Prozent.





