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Konservative Publizistik: Wieso ist der „European Conservative“ gescheitert, Herr Fantini?

Konservative Publizistik: Wieso ist der „European Conservative“ gescheitert, Herr Fantini?

Konservative Publizistik: Wieso ist der „European Conservative“ gescheitert, Herr Fantini?

Der ehemalige Chefredakteur des „European Conservative“, Alvino-Mario Fantini: „Was auch immer als Nächstes kommt: Ich werde den Idealen, Grundsätzen und Werten treu bleiben, die mich von Anfang an angetrieben haben.“ Foto: Fantini
Der ehemalige Chefredakteur des „European Conservative“, Alvino-Mario Fantini: „Was auch immer als Nächstes kommt: Ich werde den Idealen, Grundsätzen und Werten treu bleiben, die mich von Anfang an angetrieben haben.“ Foto: Fantini
Der ehemalige Chefredakteur des „European Conservative“, Alvino-Mario Fantini: „Was auch immer als Nächstes kommt: Ich werde den Idealen, Grundsätzen und Werten treu bleiben, die mich von Anfang an angetrieben haben.“ Foto: Fantini
Konservative Publizistik
 

Wieso ist der „European Conservative“ gescheitert, Herr Fantini?

Erst war es sein Privatvergnügen, dann machte der Journalist Alvino-Mario Fantini aus dem „European Conservative“ ein weltweit angesehenes Medium – das Ende kam mit Schrecken. Wie eine konservative Zeitschrift zwischen die Fronten des Kulturkampfs geriet.
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Binnen kurzer Zeit ist der „European Conservative“ von einer intellektuellen Liebhaberei zu einer der führenden konservativen Publikationen im Westen aufgestiegen. Das vierteljährlich erscheinende Magazin glänzte durch fundierte Debattenbeiträge, einen breiten Autorenstamm und ein kunstverliebtes Layout. Doch eine unglückliche Allianz mit Ungarns konservativer Regierung unter Viktor Orbán setzte dem Blatt ein jähes Ende – mit dem Machtwechsel in Budapest wurde das Erscheinen des „European Conservative“ eingestellt. Chefredakteur Alvino-Mario Fantini begleitete das Projekt von Anfang an. In der JF lässt er die Zeitschrift noch einmal Revue passieren.


Herr Fantini, wie hat das mit dem European Conservative und Ihnen damals angefangen?

Mario-Alvino Fantini: 2012 meldete ich mich freiwillig und übernahm das Ruder, als die Gründer der Publikation durch andere persönliche und berufliche Verpflichtungen gebunden waren. Der „European Conservative“ war damals nur ein Rundbrief. Ich hatte ohnehin nach einer Möglichkeit gesucht, mich stärker einzubringen, und hielt dies für eine gute Gelegenheit, mehr über die konservativen Denker und die rechten Bewegungen Europas zu erfahren – etwas, das mich schon immer interessiert hatte. Der „European Conservative“ wurde für mich zu einem Vehikel für jene Art von Arbeit, die ich vermutlich andernorts im Rahmen einer Promotion betrieben hätte.

Ein Rundbrief also … das klingt noch nicht nach Hochglanzoptik und weltweitem Vertrieb.

Fantini: Nein, davon waren wir damals weit entfernt. Aber diese frühen Jahre haben mir ungeheuer viel Freude gemacht. Ich arbeitete allein, in meiner Freizeit und ohne jede Finanzierung. Ich musste mir selbst beibringen, mit Adobe InDesign den Satz zu gestalten und mit Photoshop Bilder zu bearbeiten und zuzuschneiden. Ich lernte, wo und wie sich gemeinfreie Bilder und Kunstwerke für die Zeitschrift auftreiben ließen, und entwickelte ein gewisses Geschick darin, Autoren in ganz Europa davon zu überzeugen, kostenlos für mich zu schreiben.

„Es war chaotisch und berauschend zugleich.“

Aber ganz allein macht man keine Zeitung.

Fantini: Natürlich nicht. Ich baute mir in verschiedenen Ländern ein Netzwerk von Kontakten auf, fragte nach Büchern, die wir besprechen sollten, oder nach den jüngsten politischen Entwicklungen im jeweiligen Land. Gelegentlich gelang es mir sogar, Druckereien in den Vereinigten Staaten oder Europa zu finden, die bereit waren, eine kleine Auflage kostenlos für mich zu drucken. Anschließend verschickte ich die Hefte mit der Post oder nahm sie selbst zu Konferenzen und Veranstaltungen überall auf der Welt mit. Es war chaotisch und berauschend zugleich.

Was für ein Magazin schwebte Ihnen vor?

Fantini: Um eine Formulierung von Daniel Kelly aus seiner Biographie „Living on Fire“ über L. Brent Bozell Jr. aufzugreifen: Wir wollten die unterschiedlichen Spielarten des „respektablen Konservatismus“ mit ausgesprochener Weitherzigkeit willkommen heißen – darunter Etatismusgegner, Traditionalisten, Anhänger des freien Marktes, Verfechter der konstitutionellen Monarchie und entschiedene Antikommunisten.

Ein Kunstmuseum auf 132 Seiten

Was sollte diese unterschiedlichen Strömungen verbinden?

Fantini: Mich trieben vor allem meine eigenen akademischen und intellektuellen Interessen an den vielfältigen Strömungen des Konservatismus und des Mitte-rechts-Denkens an. Deshalb habe ich in keiner Frage jemals eine starre redaktionelle Linie vorgegeben. Hinzu kam meine Vertrautheit mit rechter Publizistik und konservativen Zeitschriften in aller Welt. Dabei fiel mir etwas auf: Jene Blätter, die sich Kunst und Kultur widmeten, verwendeten zu meiner Überraschung kaum Bilder.

Was man vom European Conservative nicht gerade behaupten konnte …

Fantini: Nein, ganz im Gegenteil. Wie ich meinen Verlegerfreunden in London immer wieder sagte: Die künstlerisch ambitionierten Zeitschriften blendeten die Politik aus, während jene, die sich mit Politik beschäftigten, Kunst und Kultur vernachlässigten. Ich wollte all diese Elemente wieder zu einem vielfältigen zivilisatorischen Ganzen zusammenführen. Mir fehlte eine Zeitschrift für Ideen und Kultur, offen für die unterschiedlichen Strömungen der Rechten – und eine Zeitschrift, die ebenso gut aussieht, wie sie sich liest. Es wollte mir schlicht nicht einleuchten, dass konservative Publikationen von der Bedeutung der Schönheit sprachen, ihren Lesern aber weder Bilder noch die Schätze des Westens vor Augen führten. Das erschien mir wie ein gewaltiges Versäumnis.

Die letzte Ausgabe des „European Conservative“ vom Sommer 2026 legte einen besonderen Fokus auf den deutschen Konservatismus. Foto: The European Conservative
Die letzte Ausgabe des „European Conservative“ vom Sommer 2026 legte einen besonderen Fokus auf den deutschen Konservatismus. Foto: The European Conservative

Der „European Conservative“, ein „Akt der Restauration“

Also Kunst als Blattlinie?

Fantini: In gewisser Weise schon. Ich war überzeugt, dass die postmoderne Welt und der Niedergang der Bildung zu einer übermäßigen Zersplitterung von Dingen geführt hatten, die eigentlich zusammengehörten. Letztlich ging es mir darum, den Lesern einen Blick auf jenen zivilisatorischen Faden zu ermöglichen, den die Postmoderne und die Neue Linke durchtrennt, zerschnitten, zerfasert und untergraben hatten. Den „European Conservative“ herauszugeben war im wahrsten Sinne des Wortes ein Akt der Restauration.

Um so etwas zu stemmen, braucht man allerdings Geld.

Fantini: Das stimmt. Wir hatten zuvor eine begrenzte, einmalige Unterstützung von einer amerikanischen Stiftung und später von einer transatlantischen Organisation erhalten. Doch erst als ein ungarischer Kontakt auf mich zukam, konnten wir uns eine stabilere und nachhaltigere finanzielle Grundlage schaffen. Für diese Unterstützung waren und sind wir zutiefst dankbar, denn sie hat dem „European Conservative“ ohne jeden Zweifel geholfen, zu wachsen und jenes weltweite Publikum zu erreichen, das wir schließlich hatten.

Der einfache Trick zum Erfolg

Das muss ein Quantensprung für Sie als Herausgeber gewesen sein.

Fantini: Ja, durchaus. Es war jedes Mal ein wunderbares Gefühl, die Zeitschrift irgendwo auf der Welt am Kiosk liegen zu sehen! Ebenso befriedigend war es, Autoren und Redakteure endlich angemessen bezahlen zu können – Menschen, die uns so lange unentgeltlich ihr Können zur Verfügung gestellt hatten. Darüber hinaus haben wir gern mit zahlreichen Institutionen und Organisationen in ganz Europa zusammengearbeitet – in Spanien, Italien, Tschechien und anderswo. Wir spielten eine wichtige Rolle dabei, Menschen aus den unterschiedlichen Strömungen der Rechten zusammenzubringen. Darauf sind wir bis heute sehr stolz.

Wie erklären Sie sich diesen unverhofften Erfolg?

Fantini: Ich glaube, eine meiner wichtigsten Entscheidungen war es, die Zeitschrift als PDF-Datei an all meine Freunde und Verwandten in aller Welt zu verschicken – und das lange bevor wir von irgendjemandem finanzielle Unterstützung erhielten. Dadurch konnte sie ungeahnt weite Verbreitung finden und gewissermaßen viral gehen.

Unverhoffter Geldsegen

Klingt nach einem denkbar einfachen Trick …

Fantini: Das war es im Grunde auch. Aber auch die Entscheidung, der Zeitschrift ein farbiges Titelbild zu geben und immer mehr Kunstwerke und Abbildungen aufzunehmen, half uns, eine beachtliche Anhängerschaft zu gewinnen – wiederum lange bevor wir irgendwelche Fördermittel erhielten. Inhalt und Gestaltung waren die entscheidenden Triebkräfte unseres frühen Wachstums.

Und das Geld hat auch nicht geschadet.

Fantini: Nein, natürlich nicht. Ein jährliches Budget hat uns später enorm geholfen: Wir konnten ein professionelles Team für Gestaltung und Satz bezahlen, eine richtige Internetseite entwickeln lassen und professionelle Vertriebs- und Abonnementstrukturen aufbauen. Auf diese Weise erreichten wir ein gewisses Maß an weltweiter Verbreitung.

Chronik eines Zerwürfnisses

Irgendwann kam dann auch noch das Nachrichtengeschäft dazu.

Fantini: Ja. Unser Budget wuchs schließlich so weit, dass wir auch täglich Nachrichten und Analysen produzieren konnten und sogar über ein kleines Videoteam verfügten. So entstanden Projekte wie Sebastian Morellos Reihe „Symposia“ und Harrison Pitts „The Forge“ – Formate, in deren Mittelpunkt Gespräche mit führenden Denkern unserer Zeit standen. Sie waren außerordentlich erfolgreich und halfen uns, unsere Reichweite beträchtlich zu vergrößern.

Ende 2024 kam dann der Bruch: Print und Online sollten voneinander getrennt werden. Was war passiert?

Fantini: Als das MCC Eigentümer der Gesellschaft wurde, die den „European Conservative“ herausgibt – sowohl die gedruckte als auch die Online-Ausgabe –, entschied man sich dort leider dafür, das Projekt in zwei voneinander getrennte Einheiten aufzuspalten: die vierteljährlich erscheinende Printausgabe auf der einen und europeanconservative.com auf der anderen Seite. Das ist allgemein bekannt und öffentlich dokumentiert.

Entfremdung vom Leser

Warum hielten Sie das für einen Fehler?

Fantini: Vor allem traf man die – ziemlich unkluge – Entscheidung, jeder dieser beiden „Einheiten“ einen eigenen Chefredakteur zu geben. Da beide Chefredakteure weder eine gemeinsame Vorstellung von dem Projekt noch überhaupt vom „Konservatismus“ selbst hatten, musste das beinahe zwangsläufig zu mangelnder Geschlossenheit und schließlich sogar zu Spannungen führen.

Hat es denn trotzdem irgendwie funktioniert?

Fantini: Leider nicht wirklich. Das Publikum merkte es sofort und reagierte beunruhigt, teilweise sogar frustriert. Die Rückmeldungen, die uns seit 2025 von zahlreichen langjährigen und treuen Lesern des „European Conservative“ erreichten, bestätigten diesen Eindruck.

Was rechte Politiker sagen – und was sie tun

Nach dem Regierungswechsel in Budapest geriet Ihre Zeitschrift schließlich zwischen die Fronten. Warum?

Fantini: Dazu habe ich in meiner öffentlichen Erklärung alles gesagt, was ich sagen möchte.

Hat diese Erfahrung Ihre Sicht auf das Verhältnis zwischen politischer Macht und konservativer Kulturarbeit verändert?

Fantini: Nein. Im Gegenteil: Diese Erfahrung hat mich nur noch stärker in meiner Überzeugung bestärkt, dass Kunst, Literatur, Philosophie, Dichtung und Religion – all jene Dinge also, die manche gern als das „Vorpolitische“ bezeichnen – sehr viel wichtiger sind als die Politik. Politiker, insbesondere auf der Rechten, sprechen häufig davon, „den Westen zu retten“. Doch am Ende wollen sie Wahlen gewinnen.

„Politik ist der Kultur nachgelagert“

Ist das nicht deren Job?

Fantini: Natürlich. Wahlen sind zweifellos wichtig. Aber wenn wir unseren Lesern nicht die Schätze des Westens vor Augen führen und sie daran erinnern, was es zu bewahren, zu verteidigen und zu schützen gilt, wenn wir ihre geistige Neugier nicht nähren, dann sind wir daran gescheitert, jene wichtige Einsicht zu vermitteln, die mittlerweile vielleicht schon allzu oft ausgesprochen worden ist: dass „die Politik der Kultur nachgelagert ist“.

Dafür, dass Sie die Kultur so deutlich über die Politik stellen, waren Sie selbst ziemlich abhängig von ihr.

Fantini: Aber ich finde nichts verwerflich daran, wenn Regierungen und Mäzene Bildungsprojekte fördern. Für mich war der „European Conservative“ nie ein ideologisches Projekt. Wir waren neugierig auf alles, was sich „auf der Rechten“ abspielte – und das sind wir noch immer. Doch die Erfahrungen der vergangenen Jahre haben uns erneut vor Augen geführt, wie zerbrechlich Projekte sind, die von einer einzigen Finanzierungsquelle abhängen. Und das gilt ganz unabhängig davon, ob das Geld vom Staat oder von einem privaten Mäzen kommt.

Was kommt nach dem „European Conservative“?

Welche Lehren ziehen Sie persönlich daraus?

Fantini: Ich hoffe, unsere Erfahrung wird für Menschen, die über die entsprechenden Mittel verfügen, zu einem Aufruf zum Handeln: Unterstützt die Projekte, die euch am Herzen liegen, anstatt darauf zu hoffen, dass es schon irgendjemand anderes tun wird.

Wollen Sie nach dem European Conservative ein neues Blatt aufbauen?

Fantini: Was auch immer als Nächstes kommt: Ich werde den Idealen, Grundsätzen und Werten treu bleiben, die mich von Anfang an angetrieben haben – und auf die so viele Menschen in aller Welt derart positiv reagiert haben. Es gibt da draußen einen Hunger nach jener Art von Inhalten, die wir angeboten haben. Deshalb wissen wir: Dies ist nicht das Ende. Man darf also gespannt sein.


Alvino-Mario Fantini, Jahrgang 1968, wurde in Brattleboro (Vermont) geboren und studierte Literaturwissenschaften, Theologie und Philosophie am Dartmouth College in New Hampshire. Als Journalist arbeitete er unter anderem in Kolumbien, China und Belgien, bevor er 2012 Chefredakteur des „European Conservative“ wurde und die Zeitschrift zu einer internationalen konservativen Publikation entwickelte.

Der ehemalige Chefredakteur des „European Conservative“, Alvino-Mario Fantini: „Was auch immer als Nächstes kommt: Ich werde den Idealen, Grundsätzen und Werten treu bleiben, die mich von Anfang an angetrieben haben.“ Foto: Fantini
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