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Buchrezension: Wie uns Bonelli aus der geistigen Sackgasse helfen will

Buchrezension: Wie uns Bonelli aus der geistigen Sackgasse helfen will

Buchrezension: Wie uns Bonelli aus der geistigen Sackgasse helfen will

Eine Statue trägt ihren Kopf unter dem Arm – Sinnbild für Raphael M. Bonellis Buch "Kopflos"
Eine Statue trägt ihren Kopf unter dem Arm – Sinnbild für Raphael M. Bonellis Buch "Kopflos"
Skulptur mit Kopf unter dem Arm am Staatstheater in Wiesbaden. Foto: picture alliance / imageBROKER | Gerald Abele
Buchrezension
 

Wie uns Bonelli aus der geistigen Sackgasse helfen will

Warum reagieren wir, bevor wir denken? In seinem aktuellen Buch „Kopflos“ diagnostiziert der Psychiater Raphael M. Bonelli eine Gesellschaft, in der Gefühle zu Wahrheiten, Empörung zu Argumenten und Gruppenzugehörigkeit zum Maßstab des Denkens geworden sind.
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Wir leben in interessanten Zeiten. Ob im politischen Streit oder in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung, oft geht es weniger um Argumente und konstruktive Debatten, durch die man sich einer Lösung unserer zahlreichen Probleme annähern könnte, sondern um die Gesinnung in Bezug auf Migration, Klima oder sexuelle Identität.

Die Wahrnehmung der Wirklichkeit ist dabei längst ins Hintertreffen geraten – und mit ihr das Denken. Diesem werden allenthalben moralische Grenzen gesetzt, die wenig mit Logik und Vernunft, dafür aber um so mehr mit Emotionen zu tun haben. Das Gefühl ist zur festen gesellschaftlichen wie politischen Instanz geworden und verursacht  ideologisch verankerte Denkverbote. Aber immerhin: Unsere Zeit ist zwar voller Dissonanzen, doch zeigen verschiedene Disruptionen auch, dass wir einer drohenden Stagnation entgegentreten.

Der Wiener Psychiater und Neurowissenschaftler Raphael M. Bonelli gehört zu jenen, die sich mit den Bruchlinien innerhalb einer Gesellschaft auseinandersetzen. Einer Gesellschaft, die sich selbst nahezu zwanghaft als frei und tolerant bezeichnet, gerade daher aber – Marcuse lässt grüßen – keine Kritik oder gar abweichende Meinung erlaubt. Als veritabler Gesellschaftskritiker wie auch als eine der wichtigsten Stimmen im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung erreicht Bonelli ein immer weiter wachsendes Publikum; seine Bücher erweisen sich stets als Bestseller, sein Kanal auf Youtube zählt rund 270.000 Abonnenten.

Bonelli fragt grundlegend

Das ist vor allem deshalb bemerkenswert, als der Konservative und bekennende Katholik seinen Zuhörern und Patienten etwas abverlangt: beispielsweise das Ausbilden eines persönlichen Wertekanons, der das eigene Leben bestimmt und sich als Charakterstärke, ja Tugend verinnerlicht und mit dessen Hilfe man inneren Lastern wie auch äußeren Manipulationen begegnen kann. Mithin will Bonelli in seinem aktuellen Buch „Kopflos“ eigenverantwortliches Denken und daraus resultierendes Handeln fördern und erläutert, so der Untertitel, „Wie Denken funktioniert. Warum wir es verlernt haben. Wie wir es zurückgewinnen“.

Bonelli stellt darin grundlegende Fragen: Warum reagieren wir schneller, als wir nachdenken? Warum halten wir unsere Gefühle für Erkenntnisse, unsere Empörung für ein Argument und die Zustimmung unserer sozialen Gruppe für einen Beweis der Wahrheit? Warum also leben wir in einer kopflosen Gesellschaft?

Keine Frage: Der Mensch ist ein komplexes Wesen, das durch zahlreiche Impulse beeinflusst wird, auf die reagiert werden muss. Bei dieser Reaktion kommen wiederum verschiedene intrinsische Mechanismen ins Spiel, denen sich Bonelli bereits in seinen Büchern „Bauchgefühle“ (2022) und „Die Weisheit des Herzens“ (2023) gewidmet hat. Mit „Kopflos“ legt er nun eine Erweiterung vor, die sich weniger als Anleitung zum „richtigen“ Denken versteht, als vielmehr dessen Voraussetzungen, Störungen und Regeneration begreiflich macht – wie stets bei Bonelli mit einer Vielzahl von Beispielen aus seiner beruflichen Praxis sowie aus Literatur und Film.

Thanatos hinter zahlreichen Malaisen menschlicher Existenz

Der erste Teil widmet sich der „Anatomie des Denkens“, vermittelt Grundlagen der Neurowissenschaft und verweist darauf, dass das Denken auf einem zirkulären Prozess aus Wahrnehmung, Überlegung und Urteil basiert. Bonelli formuliert die Prinzipien verschiedener Denkordnungen, durch deren dynamische Hierarchie das Denken erst zuverlässig werden kann.

Mit den Störungen dieser Ordnungen befasst sich der zweite Teil des Buches: Thanatos, die Kraft der Zerstörung, lauert hinter zahlreichen Malaisen menschlicher Existenz – darunter vielfältige Methoden des Selbstbetrugs sowie die eigene narzisstische Überhöhung. Selbstredend hat auch die Spätmoderne neue Formen kollektiver Denkstörungen hervorgebracht, die durch Indoktrination und Manipulation das individuelle Denken fremdbestimmen, wenn nicht sogar durch Moralismus völlig abzuschaffen suchen. Unterstützt werde dies von der Dauerablenkung durch Smartphones und Social Media, deren Reizüberflutung eine für ein tiefes Denken notwendige Fokussierung der Wahrnehmung immens erschwere.

Der Menschenverstand stellt den Bezug zur Wirklichkeit her

Man mag einwenden, dass die sogenannten digital natives von Kindheit an mit einem von Algorithmen gesteuerten Leben umzugehen lernen, doch der stete Niedergang des schulischen Niveaus kann dies nicht bestätigen. Vor allem aber kritisiert Bonelli vehement eine „pädagogische Denkstörung“, denn an den Schulen habe die woke Ideologie mit ihren normativen Bewertungen längst die Vermittlung von Wissen verdrängt; anstelle einer freien Entwicklung des logischen Denkens und der individuellen Potentiale der Schüler befördert der Unterricht an Schulen – und, so darf man hinzufügen, ebenso an Universitäten – die Unterwerfung unter emotional aufgeladene Grundsätze und dogmatisch postulierte „Wahrheiten“. Das hat nicht nur einen negativen Einfluss auf die Entwicklung des Denkvermögens junger Menschen, sondern zerstört längerfristig auch die Grundlagen unserer zukünftigen Gesellschaft.

Raphael M. Bonelli: Kopflos. 528 Seiten, Edition A, Jetzt beim JF-Buchdienst bestellen
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Zahlreiche Punkte dieser Gesellschaftskritik hatte Bonelli bereits in seinem Buch „Tabu“ (JF 36/25) versammelt, doch vermittelt er nun ein Antidot zur Kopflosigkeit: die fünf dianoetischen Tugenden von Aristoteles. So führt Lebenserfahrung und Selbstkritik zur situativen Intelligenz (Phronesis), die systematische Intelligenz (Episteme) verantwortet Entscheidungen, die auf überprüfbaren Wahrheiten basieren. Techné, die schöpferische Intelligenz, meint das Erlernen und Ausführen von Können und Kompetenz – sei es handwerklich oder intellektuell. Dies ermöglicht Selbstwirksamkeit, das Bewusstsein also, einen Beitrag für und innerhalb der Gesellschaft zu leisten.

Einen hohen Stellenwert besetzt für Aristoteles der gesunde Menschenverstand (Nous): er stellt den unmittelbaren Zugang zur Wirklichkeit her, zum Offensichtlichen, Evidenten; er ist das „sehende Prinzip des Denkens“. Gerade er wird allerdings – nicht nur bei Schülern – von allerhand indoktrinativer Pädagogik verwirrt. Damit wird aber auch Sophia, die Weisheit, als Vollendung der theoretischen Erkenntnis, gestört und mit ihr eine Tugend, die uns das große Ganze erfassen lässt und über die Grenzen des Egos hinausgeht.

Die Vernunft ist unter Rechtfertigungsdruck geraten

Gegen Kopflosigkeit anzugehen benötigt Zeit und Konzentration; beides Mangelware in der digitalisierten Welt, in der wir zwar durch Klicken und Wischen in rapider Geschwindigkeit auf Trends reagieren, mithin ständig geistig aktiv sind – aber kaum noch wirklich Denken. Denn wer erst nachdenkt, kommt zu spät. Gegen diese „Hyperaktivität der Passivität“ bietet Bonellis „Kopflos“ ein erhellendes, dabei bei aller Verständlichkeit auch forderndes Kompendium, das Denken wieder zu trainieren.

Zunächst also wieder offen wahrzunehmen, dann eingehend zu reflektieren und zu einem – natürlich möglichst vernünftigen! – Urteil zu gelangen. Und zwar ohne ideologische Abkürzungen, Verbiegungen und Denkverbote. Denn unbestritten ist die Vernunft unter Rechtfertigungsdruck geraten; gestritten wird nicht mehr über Argumente, sondern darum, wer sich aufgrund seiner Identität und Gruppenzugehörigkeit überhaupt äußern darf – alle anderen werden kriminalisiert oder pathologisiert.

„Räum erst einmal dein Zimmer auf, bevor du die Welt kritisierst“

Bonellis Weg zurück zu den einstmaligen Selbstverständlichkeiten innerhalb einer liberalen Gesellschaft beginnt beim Individuum und dessen Vernunft und Denkfähigkeit. Denn eine Gesellschaft, deren Bürger nicht mehr selbst urteilen dürfen oder gar können, sondern nur noch die Haltung neu geschaffener Kollektive reproduzieren, mag zwar demokratisch organisiert wirken, verliert aber zunehmend das geistige Fundament, das Demokratie erst möglich macht.

Ohne Eulen nach Athen tragen zu wollen: eine gelingende Gesellschaft beginnt beim Einzelnen. Oder, um auf eine griffige Maxime des kanadischen Psychologen Jordan B. Petersons zurückzugreifen: „Räum erst einmal dein Zimmer auf, bevor du die Welt kritisierst.“ Bonellis „Kopflos“ bietet einen erhellenden Leitfaden zur Überprüfung – und gegebenenfalls Korrektur – des eigenen Denkvermögens.

Aus der JF-Ausgabe Nr. 39/26.

Skulptur mit Kopf unter dem Arm am Staatstheater in Wiesbaden. Foto: picture alliance / imageBROKER | Gerald Abele
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