In seinem neuen Buch „Katechon“ widmet sich der Historiker Volker Weiß dem von Carl Schmitt wiederentdeckten theologischen Konzept eines „Aufhalters des Antichristen“, das derzeit in rechten Kreisen nicht nur Europas eine neuerliche Renaissance erlebt. Eine solche Wirkungsgeschichte hätte sich der Apostel Paulus wohl kaum träumen lassen, als er in seinem zweiten Brief an die Thessalonicher die messianische Naherwartung als Irrlehre zurückwies und die Gemeinde darüber belehrte, dass vor der Wiederkunft Christi allererst der Widersacher erscheinen müsse, welcher indessen noch „zurückgehalten“ werde.
Infolge der Parusieverzögerung aber wichen die messianischen Erwartungen allmählich apokalyptischen Ängsten, und so sollte dieser seit Tertullian und Hippolyt mit dem Römischen Reich identifizierte „Aufhalter“ (griech. „Katechon“) gemäß einer bis ins hohe Mittelalter wirkmächtigen Reichstheologie den Aufschub der Endzeit gewährleisten. Und inmitten einer katastrophischen Weltkriegsepoche suchte auch Schmitt im Katechon einen „heilsgeschichtlichen Halt“, der die „geschichtliche Idee von Europa vor der Verzweiflung bewahren könnte“, wobei ihm schließlich ein „nicht mehr an Kirche, Staat oder Reich gebundener Aufhalter“ vorschwebte.
Verschiedene Katechonten konkurrieren
Vor diesem theologiegeschichtlichen Hintergrund schildert Weiß mit journalistischer Verve, wie Schmitts Lehre vom Katechon gegenwärtig von neurechten Kräften für eine autoritäre und antiliberale Agenda eingespannt wird, welche die individuellen Freiheiten und sozialen Sicherheiten liberaler Gesellschaften als trügerisches Teufelswerk verfemt und zugleich die regelbasierte globalistische Weltordnung durch ein machtbewusstes Großraumdenken herausfordert. Im Osten mahnt Alexander Dugin die katechontische Bestimmung des christlich-orthodoxen Russland als „Drittes Rom“ an, um Wladimir Putins antiwestlichen Imperialismus zu rechtfertigen, und im Westen wird Donald Trump von christlichen Nationalisten als Katechont einer woken Auflösung aller amerikanischen Werte gefeiert.
Der dem US-Präsidenten verbundene Großunternehmer Peter Thiel wiederum glaubt mit seinen messianischen KI-Visionen den Niedergang einer zunehmend totalitären Sozialregulierungen unterworfenen freien Welt aufzuhalten, wohingegen Martin Sellner die identitäre Rechte zum Aufhalter gerade solcher technokratischen Fehlentwicklungen bestimmt. Wenn miteinander rivalisierende Katechonten, von denen einige sogar weltpolitisch gegeneinander antreten, Weiß auch an der propagandistischen Brauchbarkeit von Schmitts theologisch vieldeutigem Konzept zweifeln lassen, so sieht er gleichwohl bereits in dessen politischer Theologie selbst einen katholisch verschärften Willen zur absoluten Feindbestimmung am Werk. Als „Theologe der Jurisprudenz“ fand sich Schmitt allerdings durch das römische Recht und die römische Kirche, diese Ursprungsmächte der modernen Rechtswissenschaft selbst, ausreichend legitimiert.

Darum waren für ihn auch nach dem neuzeitlichen Umzug der Juristen aus der entmachteten Kirche in den souveränen Staat, diesem „Exodus von einem heiligen Berg in den Bereich des Profanen“, weiterhin „alle prägnanten Begriffe der modernen Staatslehre säkularisierte theologische Begriffe“, und noch die Humanitätsreligion und der Fortschrittsglaube der Moderne lebten von illegitim usurpierten „Eschata“, welche „nur säkularisiertes Judentum und Christentum“ waren.
1932 entdeckte Carl Schmitt den Katechon für sich
Weiß zufolge aber erklärte Schmitt mit seiner politischen Theologie, die maßgeblich durch die Souveränitätslehre des katholischen Reaktionärs Donoso Cortés inspiriert wurde, einer längst und legitimerweise profanen Gesellschaft den Glaubenskrieg, um deren soziale und liberale Demokratie in eine theokratische Diktatur zu überführen. Dabei unterschätzt Weiß nicht nur, wie stark Schmitts geistige Biographie von den Erschütterungen des Ersten Weltkriegs und der deutschen Novemberrevolution geprägt war, sondern auch, wie sehr beide Bürgerkriegsparteien der Weimarer Republik von messianisch-apokalyptischen Endzeiterwartungen erfüllt waren. Dass etwa Walter Benjamin noch vor Erscheinen von Schmitts „Politischer Theologie“ (1922) seinerseits ein „Politisch-theologisches Fragment“ (1921) verfasst hatte, in welchem der marxistische Philosoph einen methodischen „Nihilismus“ zur „Aufgabe der Weltpolitik“ erklärte, um „das Kommen des messianischen Reiches“ vorzubereiten, ist von Weiß jedenfalls nicht zu erfahren.
Ausdrücklich erwähnt er dagegen das „messianische Charisma“ Hitlers, zumal Schmitt im Jahr 1932, als er sein Eintreten für eine Notstandsdiktatur theologisch zu legitimieren suchte, den Katechon für sich entdeckte. Zu ergänzen wäre freilich, dass die katechontische Stoßrichtung von Schmitts damaliger Publizistik bei den zur Macht gelangten Nationalsozialisten mitnichten in Vergessenheit geriet. Bereits 1936 wurde der im „Dritten Reich“ arrivierte Staatsrechtler von der SS als „Kronjurist der Regierungen Brüning, Papen, Schleicher“ angegriffen, der die rechtlichen Grundlagen für die „Niederhaltung des Nationalsozialismus“ geschaffen habe. Und nach Anfeindungen durch die NSDAP, welche die „völkische Bewegung“ durch sein katholisch-etatistisches Konzept eines „totalen Staates“ aufgehalten sah, wurde Schmitt 1937 seiner öffentlichen Ämter enthoben.
Zu jenem von Jacob Taubes so genannten „Apokalyptiker der Gegenrevolution“, den auch Weiß in ihm sehen will, hat sich Schmitt indessen auch später nie radikalisiert, da sich für ihn im Weltbürgerkrieg der Ideologien des 20. Jahrhunderts „mit säkularen Parolen und in globalen Dimensionen“ nur die verheerenden Konfessionskriege des 16. Jahrhunderts wiederholten. Aus diesen aber hatte sich der von Thomas Hobbes im „Leviathan“ versinnbildlichte neuzeitliche Staat erhoben, um seine Souveränität in der Schlichtung des Bürgerkrieges und der Wiederherstellung des Friedens zu bewähren.
„Hobbes spricht aus, was Dostojewskis Großinquisitor tut“
Bekanntlich schätzte der deutsche Staatsrechtler den englischen Staatsphilosophen dafür, mit der ökumenischen Pazifizierungsformel „Jesus is the Christ“ und dem etatistischen Rechtsprinzip auctoritas, non veritas facit legem eine „klare staatliche Alternative zum römisch-kirchlichen Entscheidungsmonopol“ geboten zu haben. Gewiss beklagte Schmitt den historischen Verfall des dezisionistischen Ordnungsstaates zu einem mechanisierten Staatsbetrieb, welcher in ein „Zeitalter der Neutralisierungen und Entpolitisierungen“ hineinführte, aber Weiß verkennt, dass Schmitt das neuerliche Erstarken fanatisierter Bürgerkriegsparteien, die sich den geschwächten Leviathan zur Beute machen sollten, als das größere Übel betrachtete.
Nicht von ungefähr ist Schmitt von Helmut Schelsky der „deutsche Hobbes des 20. Jahrhunderts“ genannt worden. Weiß jedoch bringt es fertig, den Namen Hobbes vollkommen zu verschweigen und Schmitts Selbstverständnis als „letzter, bewusster Vertreter“ des für die absolutistische Hegung des Krieges verantwortlichen ius publicum europaeum ebenso zu übergehen wie seine notorische Kritik des diskriminierenden Feind- und Kriegsbegriffs. Zu dem von Weiß gezeichneten Schreckbild eines schwarzkatholischen Glaubenskriegers passt nicht einmal Schmitts Sympathie für die literarische Figur des Großinquisitors, welche ihm gerade als ein allen bürgerkriegstauglichen Glaubenseifer unterdrückender Katechon imponierte: „Hobbes spricht aus, was Dostojewskis Großinquisitor tut“, nämlich „das Christentum ent-anarchisieren, ihm aber im Hintergrunde eine gewisse legitimierende Wirkung zu belassen“.
So hinterlässt Weiß’ ambitionierter Essay insgesamt einen zwiespältigen Eindruck: Die Deutung von Schmitts politischer Theologie ist von einer grandiosen Einseitigkeit, aber die Darstellung neurechter Katechon-Adaptionen kann durchaus zum Nachdenken darüber anregen, ob nicht einige der vom Autor vorgeführten Anwärter auf das Amt des Aufhalters vielmehr selbst aufgehalten gehören.





