„Während all der Jahre als ‘Troublemaker’ in der Fußballszene bin ich immer ein politisch rechter Mensch geblieben. Jedoch nicht im aktivistischen Sinne, sondern eher beobachtend, unterstützend und lesend. Die JUNGE FREIHEIT habe ich längst nicht mehr im Abo.“ Autsch. Böse Worte, doch wir sind ja keine Mimosen. Und wer so einen starken Debütroman hinlegt, darf sich eben auch ein bisschen mehr rausnehmen. In „Unter meinem Kittel trag ich Hosenträger“ schildert der Autor F. Helbig sein Leben in einem Milieu, das Außenstehenden fast immer nur durch negative Presseberichte bekannt ist: der Hooliganszene.
Helbig wächst in Görlitz auf, als Nachfahre vertriebener Schlesier. Von frühester Kindheit an prägt den Jungen die verlorene Heimat seiner Familie. Er besucht als kleiner Junge regelmäßig seine Großtante. Bei einer Runde Dame erzählt sie oft davon, wie schön der alte Hof war, welche Früchte jetzt erntereif wären – aber auch von ihrer Todesangst vor Übergriffen durch die Rote Armee. In dieser Zeit wird der junge Protagonist auch mit dem Fußball-Virus infiziert. Wie bei so vielen ist es der Vater, der ihn zum Spiel mitnimmt. Die Lautstärke, die martialisch aussehenden Männer, die gelb-weißen schlesischen Fahnen – all das beeindruckt Helbig zutiefst.
Für ihn ist klar: Der NSV Gelb-Weiß Görlitz, wobei das „N“ für „Niederschlesien“ steht, ist ab jetzt fester Bestandteil seines Lebens. Früh fängt er an, Fahnen zu malen, lernt Gleichgesinnte kennen.
„Einer will aufstehen und was sagen. Doch es gibt in solchen Situationen nichts zu reden“
Er ist ein fleißiger Schüler und hält in dieser Zeit – inzwischen nicht mehr als DDR-Bürger – einen Schulvortrag über die Ostvertreibungen. Der Lehrer nimmt daran keinen Anstand. „Stille, Eins, setzen, fertig.“ Für den Autor ist früh klar, dass es auch deutsche Opfer des Zweiten Weltkriegs gibt. „Denn unabhängig davon, ob meine Oma nun KPD oder NSDAP gewählt hatte, wurde sie vertrieben und geschändet. Mir ist nicht bekannt, dass das ‘Frau, komm!’ erst auf ein ‘Frau, was haste gewählt’ gefolgt wäre.“ Etwas so Grausames wie Vergewaltigung und Vertreibung so flapsig zu formulieren, ohne ins Zynische abzugleiten, muss man erstmal hinbekommen.
Als hätte F. Helbig diese Zeilen für Deutschland–Paraguay geschrieben …
»Die restlichen WM-Spiele des angeblichen ›Sommermärchens‹ verfolge ich mit den Münchener Jungs im Fanheim. Auf die Atzen und die Menschenmassen in den Fanmeilen habe ich keinen Bock – ich mag ihren… pic.twitter.com/PVq49mm27E
— Jungeuropa Verlag (@Jungeuropa_2016) June 30, 2026
Ähnlich sprachgewaltig, aber auch stets mit einer Prise derbem Humor, beschreibt er seine zahllosen gewalttätigen Fußballerlebnisse. „Einer will aufstehen und was sagen. Doch es gibt in solchen Situationen nichts zu reden. Ich nehme den Stuhl neben mir und schleudere ihn in seine Richtung.“ Wer bis hierhin gelesen hat und denkt: „Jammer-Ossi mit Gewaltproblem, wozu soll ich sowas lesen?“, der irrt. Denn das Buch ist keine Ansammlung von Klischees, sondern eine authentische Erzählung voller Ambivalenzen und scheinbarer Widersprüche. Denn Helbig entscheidet sich, nachdem er wegen seiner politischen Einstellung ins Visier des Militärischen Abschirmdienstes gerät und keine Zukunft in der Bundeswehr sieht, für eine Laufbahn als Pfleger.
Immer wieder beschreibt er, wieviel Stolz er aus diesem Beruf zieht, wie gern er den älteren Menschen zuhört und wie schön es ist, helfen zu können. Er begleitet seinen Vater beim Sterben. Einen Mann, der zu den Wendeverlierern gehört und der mit dem Alter zunehmend mürrischer wurde. Später schreibt Helbig Fachbeiträge in Pflege-Magazinen, bildet sich immer wieder fort. Auch spricht er nur in den höchsten Tönen über seine Frau und seine drei Söhne. Er scheut sich auch nicht, von einer depressiven Episode und seinem Burnout zu erzählen.
Der Autor pflegt keine niederen Ressentiments
Was auch auffällt: Für jemanden, der mit eindeutig rechtsradikalen Hooligans durch die Welt reist, um die Spiele der Nationalmannschaft zu schauen und bei Gelegenheit auch Gleichgesinnte ordentlich zu verdreschen, ist Helbig sehr menschenfreundlich, pflegt keine niederen Ressentiments. Die weiten Steppen Kasachstans, ein großer Gemüsemarkt in Georgien, freundliche russische Grenzbeamte – sie alle kommen gut weg im Buch eines von Kopf bis Fuß tätowierten Mannes, der sich von Ende der 1990er Jahre bis ungefähr 2015 zusammen mit seinen Freunden durch die Stadien, Kneipen, Bahnhofsplätze und abgelegenen Äcker des Planeten prügelte.
Über einen Brasilianer, der ihm bei der WM 2014 für mehrere hundert Euro ein gefälschtes Ticket andreht, schreibt er: „Dabei bin ich ehrlicherweise weniger wütend auf den Brasilianer, der mir die Karte verkauft hat, als auf dieses ganze beschissene Mafiakonstrukt Fifa mit seiner verfickten Kartenvergabe und auf die eigenen gierigen Landsleute mit ihren Eurozeichen in den Augen. Denn die machen das normale Fußballfandasein kaputt und schaffen erst den Markt für gefälschte Karten.“
Die Jahre als „Troublemaker“ sind für den Autor inzwischen lange vorbei, der Gattin und den Kindern ist das nur recht. Helbig hat sich – wie so viele andere auch, vom Hooligan über den Allesfahrer bis hin zum gediegenen Familienblock-Besucher – inzwischen immer mehr vom Fußball entfremdet. Sein Buch ist dennoch kein sentimentales „So schön war es damals“, sondern eine gelungene Erzählung eines Zeitzeugen. Seine Gewalttaten kann man ihm wohl verzeihen – zumal Hooligans keine friedliebenden Fans angreifen, das gilt in der Szene als extrem verpönt. Was schon schwieriger zu Verzeihen ist, ist dass F. Helbig die JUNGE FREIHEIT seit Jahren nicht mehr liest. Aber auch das lässt sich ja ändern. Hoffentlich.





