Welche Bedeutung hat die Literatur innerhalb der Gesellschaft – und für das eigene Leben? Kann sie Fixstern, Leitbild sein; ein Kompass durch die verschlungenen Pfade des allzu Menschlichen, dessen Grudvoraussetzungen sich auch über Jahrhunderte hinweg nicht ändern? Oder ist sie eher ein in Druckerschwärze und Papier gegossener Anachronismus, der den Blick auf das wirkliche Leben – insbesondere auf das heutige – verstellt?
Dieser Frage widmet sich die Autorin Petra Morsbach in ihrem neuen Roman „Orion“, in dem die Ich-Erzählerin Nora Meyer ihr Leben von den 1960er Jahren bis heute nachzeichnet. Sie schildert eine höchst unauffällige Existenz, die nahezu unberührt bleibt von politischen Begebenheiten, gesellschaftlichem Wandel oder tiefen zwischenmenschlichen Bindungen. Während letztere eher vom Zufall geprägt scheinen, ist es die Literatur, die das Zentrum dieses Lebens besetzt; allerdings geht Nora in dessen Verlauf dazu über, auch Menschen zu lesen wie ein Buch. Das ist zunächst ein schönes Bild, doch leider gelingt es ihr allzu selten, hier zwischen den Zeilen zu lesen, geschweige denn das wahrzunehmen, was außerhalb des Bucheinbands, außerhalb ihrer eigenen Perspektive geschieht.
Ihre wahre Bestimmung sieht die Ich-Erzählerin in ihrem Beruf
Nora, in einfachen Verhältnissen im Westfälischen aufgewachsen, bildet den Durchschnitt ihrer Generation ab: Dank der neuen Bildungspolitik studiert sie Deutsch und Geschichte auf Lehramt in München und lernt während eines Studentenjobs im Staatsarchiv den Archivar Dr. Theseus Dellendrücker kennen, ein leicht verschrobener, ältlicher Junggeselle. Nach anfänglichen Wirrnissen folgt die Heirat, doch für beide weniger aus romantischen, denn aus pragmatischen Gründen: Da ist die Konvention, der Wunsch nach dem Stammhalter und einer gewissen Sicherheit.
Erläuterung und Anleitung finden Nora bei Jane Austen und Anne Brontë. Die einstige männliche Dominanz jedoch ist inzwischen gebrochen; Nora weiß sich als „selbständig, in keiner Gefahr, Rechte zu verlieren“. Ein Wissen, das sich allerdings direkt nach der Geburt des Sohnes Enni relativiert, nicht nur dank zeitgenössischer feministischer Lektüre, sondern auch durch Euripides’ Klassiker Medea. Die wahre Liebe jedoch findet sich in der Kleinfamilie nicht wirklich ein, weshalb Nora sie in Gottfried von Straßburgs Tristan nachvollzieht. Immerhin erlebt auch sie ihren Lady-Chatterley-Moment; ein Liebhaber taucht quasi aus dem Wald auf, ein gefühlvoller Naturbursche – fernab von jedem Buch, von jedem staubigen Archiv.

Ohnehin sieht Nora ihre wahre Bestimmung nicht in der Familie, sondern in ihrem Beruf als Lehrerin – wobei, das wird nicht verschwiegen, dieser Umstand nicht die günstigste Voraussetzung für den Familienzusammenhalt darstellt. Erfasst von einem pädagogischen Furor versucht sie, ihren Schülern nicht nur einen literarischen Kanon zu vermitteln, sondern sie mittels Literatur und Sprachbewusstsein gegen die „Rhetorik des Alltags“, also zahlreiche verbale Manipulationen zu wappnen. Doch Helikoptereltern und die Verkürzung der Gymnasialjahre unterbinden jede nützliche Übertragung auf die Realität. Letzten Endes, erkennt Nora, ist das Bildungssystem von Schule und Studium eher darauf angelegt, junge Menschen zu verdummen, die Entwicklung eigenen Denkens zu verhindern.
Auswirkungen der „Liberalität nach den Achtundsechzigern“
Andererseits, so möchte man anführen: Als Vertreterin ihrer Generation befürwortet Nora die „Liberalität nach den Achtundsechzigern“, die sie auch im Unterricht vermittelt. Was konservative Eltern harsch kritisieren: „Schwang jetzt das Pendel zurück?“, sinniert die aufgrund ihres Unterrichtsstoffes gerügte Lehrerin. Möglicherweise war Kultur nur ein „Strom von Gepflogenheiten, der jederzeit umgelenkt werden kann. Wenn es so war, hatte das, was ich jahrzehntelang gelehrt hatte, keinen Bestand.“ Zu diesen Gepflogenheiten darf man sicherlich auch die überbordende Xenomanie rechnen, die den Schulen in Roman wie Realität kaum zu unterrichtende Klassen mit einem Großteil des Deutschen unkundigen Schülern bescherte. Doch darüber spricht man nur hinter vorgehaltener Hand.
Wie schon in ihren früheren Romanen, darunter „Justizpalast“ von 2017, nutzt die zum Doktor der Philosophie promovierte Petra Morsbach soziale Ordnungen wie Justiz oder Bildungswesen dazu, an ihnen gesamtgesellschaftliche Fragestellungen zu untersuchen. So fällt auch Nora auf, dass an ihrem Gymnasium zunehmend die Offenheit und Debattenkultur eingeschränkt wird. Die „freie Rede“ habe sie im Unterricht stets „gepredigt“, nun erlebt sie durch den Schuldirektor einseitig verhängte und aus ihrer Sicht persönlichkeitsverletzende Redetabus, Sprachzwang und Sprachlosigkeit – „sie schädigen die Urteilskraft, ersticken den Geist und verstärken dunkle Vorstellungen, intellektuelle Hilflosigkeit und Manipulierbarkeit“. Zudem erkennt sie: „Ein Vorgesetzter gewinnt zusätzliche Macht über seine Belegschaft, wenn er deren Kommunikation stört.“

Zu den Auswirkungen der „Liberalität nach den Achtundsechzigern“ gehört auch die längst Erreichte Dominanz der Frau. Nora würde es so nicht ausdrücken, doch ihr Sohn Enni, der seine Eltern als Bezugspersonen an die Welt der Bücher verlor, hat sich inzwischen – seine Mutter steht kurz vor der Rente – einem Team „frauengeschädigter“ Volleyballspieler angeschlossen und weiß Grausiges über verbale wie körperliche Gewalt der Frauen gegen ihre Männer wie auch von launischen, autoritären Chefinnen zu berichten. Selbst Ennis Jugendfreund, einst Noras Schüler, wurde als Kind von seiner Mutter misshandelt – was seine Lehrerin niemals bemerkte. Ohnehin hätte Nora die Frau als Opfer des gesellschaftlichen Drucks, der Erwartung an die weibliche Rolle als Hausfrau und Mutter gelesen. Es sind genau diese Stellen von leise formuliertem Zweifel und miniaturhafter selbstkritischer Hinterfragung, die Morsbachs Roman interessant machen.
Verzicht auf Dramatik
Wie bereits in ihren früheren Romanen verzichtet Morsbach gänzlich auf Dramatik. Noras Biographie entwickelt sich aus eher unscheinbaren Ursprüngen und Zufällen, vor allem aber aus Erinnerungen, die sie aus ihrem inneren Archiv hervorzieht. Erinnerungen an Menschen und Eindrücke, insbesondere aber an Bücher, die ihr als Werkzeuge im Umgang mit dem Leben dienen. Mit Werkzeugen allerdings ist es so eine Sache, denn nicht immer steht das passende Utensil zur Verfügung – oder ein anderes, das man jedoch nicht einmal kennt, hätte zu gänzlich anderen Ergebnissen geführt. Und so erweist sich die Übertragung der Erfahrungen von der Literatur in die Realität oft als überraschend deckungsgleich, bisweilen aber auch als sehr widerspenstig oder gar irreführend.
Kann die Literatur also ein Leitbild sein? Das titelgebende Sternbild Orion ist, so der MINT-begabte (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) Zahlenmensch Enni, ein reines Zufallsprodukt, geboren aus der Phantasie des Menschen. Dennoch diente es seit Jahrtausenden als wichtiger Orientierungspunkt; im Roman werden Schwert und Schild des Himmelsjägers sogar zu Metaphern für Sprache und Literatur. Allerdings: Vor schwarzen Löchern können beide nicht schützen.





