Ein britischer Historiker wagte 1947 die Prognose, der Tourismus werde „bald“ mehr Menschen als die großen Produktionsindustrien beschäftigen. Wenn es auch ein paar Jahrzehnte länger dauerte als vorausgesehen, traf der Mann doch ins Schwarze, wie ihm Hasso Spode, der Nestor der immer noch jungen Disziplin der Tourismusgeschichte bestätigt. Denn heute hänge jeder zehnte Arbeitsplatz weltweit vom grenzüberschreitenden Reiseverkehr ab, der jährlich 1,5 Milliarden „Ankünfte“ zählt. Der binnenländische Fremdenverkehr bringe es global sogar auf neun Milliarden „Ankünfte“. Diese beeindruckenden Zahlen umfassen zwar alle möglichen Mobilitäten, etwa den Geschäftsreiseverkehr, aber der Löwenanteil ist touristischer Natur und speist sich aus „purer Reiselust“.
Doch diese Lust, der „Wille zum Reisen“, die „Sehnsucht nach der Ferne“ ist ein relativ junges Phänomen in der Menschheitsgeschichte. Obwohl Spode davon ausgeht, dass die Freude am Ortswechsel ist eine kulturübergreifende, universale anthropologische Konstante ist, muss er seine Geschichte des Tourismus doch mit einem wenig ergiebigen Streifzug durch Antike und Mittelalter beginnen, einer Musterung zweier Jahrtausende, die Reiselust pur nicht kennen. Ohne konkreten Zweck, sei es als Fürst (Karl der Große: der erste „Reise-Kaiser“ vor Wilhelm II.), Händler, Pilger, Minnesänger oder Kreuzfahrer, brach niemand mit so schwachen „Verkehrsmitteln“ wie Pferd, Esel oder Ochsenkarren zu gefährlichen Reisen auf.
Als erster, alle Zwecke hinter sich lassender „Tourist“, gilt daher der italienische Dichter Francesco Petrarca (1304–1374), der 1336 den Mont Ventoux „um seiner selbst willen“ erklomm, getrieben „allein von dem Verlangen zu schauen“ (Joachim Ritter, „Landschaft“, 1962). Doch bis zum 18. Jahrhundert fand Petrarca keine Nachahmer. Diese, allen voran adlige Jünglinge, für die eine Grand Tour zum Bildungsprogramm gehörte, betraten erst die Bühne, als sich das Wegenetz verdichtete und die Sicherheit auf den Fernstraßen sich erhöhte.
Alpen-Wahrnehmung wandelte sich hin zum Tourismusziel
Für die eigentliche Geburt des „Homo touristicus“, des weder ökonomisch noch religiös motivierten Reisenden, sorgten aber erst Dampfschiff und Eisenbahn, die das städtische Bürgertum zu den neu erschlossenen „Sommerfrischen“ an der See oder in Mittelgebirgen transportierten. In Deutschland waren das, neben den seit 1794 (Heiligendamm) wie Pilze aus dem Boden schießenden Bädern an Nord- und Ostsee, vier Kernlandschaften, die in der Biedermeierzeit bereits ein breites Publikum anzogen: „Vater Rhein“, Harz, Thüringer und Teutoburger Wald.
On this day in 1374, (or perhaps the day before), Francesco Petrarca („Petrarch“) died; and tomorrow is his birthday pic.twitter.com/3hP8ryqamy
— Bibliophilia (@Libroantiguo) July 19, 2016
Allein die bequemere Erreichbarkeit dieser zumeist peripheren Regionen hätte nach Spodes Einschätzung niemals ausgereicht, um Menschen zu veranlassen, weiterhin erhebliche Reisestrapazen auf sich zu nehmen. Entscheidend dafür seien nicht technische, sondern seelische Wandlungen gewesen, mit denen eine „grundlegende Neubewertung der Natur“ heraufzog. Das höchste Glück, so phantasierten Gegenaufklärer wie Jean-Jacques Rousseau, solle man nicht länger in der Kultur des repressiven Absolutismus suchen. Vielmehr das gesellschaftliche Heil in der Rückkehr zu einfachen „natürlichen“ Verhältnissen finden.
Infolgedessen änderte sich das Naturgefühl. Wie Spode am Beispiel der Alpen-Wahrnehmung verdeutlicht. Seit dem Mittelalter als menschenfeindlicher Eiswüste dämonisiert, priesen Künstler und Literaten den einstigen Angstraum nunmehr als einladende Idylle, wo der Naturgenuss die von der Zivilisation Geschädigten kuriere.
„Goldene Reiseepoche“ nach Reichsgründung
Die Bergwelt erschien damit als die bessere Welt und wurde zum Muster aller in Naturräume ausgelagerten Sozialutopien, von der Tahiti-Begeisterung um 1800 über die lebensreformerischen Landkommunen um 1900 bis zur grünen Hybris der Gegenwart, einen Industriestaat mit Windrädern am Laufen halten und die Mobilität durch E-Autos garantieren zu können, die den „Zauber des Reisens“ um den Preis eines geopolitischen und ökologischen Desasters zerstören. Auf ähnliche Irrwege führte die Natursehnsucht der Altvorderen noch nicht. Ihnen genügte, in den Ferien aus dem Alltag des „stählernen Gehäuses der Hörigkeit“ (Max Weber) zu entkommen und sich für einige Wochen an der Illusion einer „Wiederverzauberung der Welt“ zu erfreuen.
In der „goldenen Reiseepoche“ zwischen Reichsgründung und Weltkriegsbeginn blieb die Flucht in den touristischen „Gegenalltag“ ein Privileg der höheren Stände, von Besitz- und Bildungsbürgertum. Die Teilhabe der Arbeiterschaft und der unteren Mittelschicht bahnte sich erst in der Weimarer Republik an, während sich der Durchbruch zum Massentourismus im Dritten Reich vollzog. Wesentliche Schrittmacher für den durch Bürgerkrieg und Hyperinflation nur kurzfristig zurückgedämmten „Willen zum Reisen“ (Spode) waren der 1919 gesetzlich eingeführte Achtstundentag und tarifliche Vereinbarungen über einen Mindesturlaub.
1928 enthielten 98 Prozent der 8.000 Tarifverträge eine Urlaubsklausel, die zwölf Millionen Arbeitern und Angestellten durchschnittlich eine Ferienwoche bescherte. Nicht viel, aber weltweit unerreicht; die Kollegen in Westeuropa und erst recht in den USA konnten davon nur träumen.
Diktatoren förderten Sozialtourismus
Trotzdem kam es für die Masse der Arbeiter nicht einmal in Frage, gewerkschaftlich angebotene „Volksreisen“ zu nutzen. Eine Woche an den Rhein kostete 100 Reichsmark, die Hälfte eines Monatslohns. Erschwinglich war das nur für die Arbeiteraristokratie der hochqualifizierten Facharbeiter. Das Konsumversprechen der SPD erfüllte sich für das Gros ihrer Klientel auf diesem Sektor also nicht. Die im Oktober 1929 vom New Yorker Börsencrash ausgelöste Weltwirtschaftskrise tat dann ein Übriges, um mit der Depression Hoffnungen auf höhere Löhne und mehr Freizeit zu begraben.
Spode sieht darin eine nachhaltige „kulturelle Kränkung“, die dieser Ausschluss vom gehobenen Konsum den Massen zufügte. Das sei Wasser auf die Mühlen der Republikfeinde gewesen, die verstanden, dass die Befriedigung materieller Bedürfnisse größere Legitimität und verlässlichere Loyalität generiert als die Stillung weltanschaulicher Sinnerwartungen. In Stalins Sowjetunion und Mussolinis Italien wusste man das: beide Regime verfügten daher über Freizeitorganisationen, die den staatlichen Sozialtourismus förderten.
NS-Regime etablierte den Massentourismus
Die nationalsozialistische Einheitsgewerkschaft der Deutschen Arbeitsfront (DAF) übernahm deren Modell, um der Hitler-Diktatur die Zustimmung der Mittel- und Unterschichten zu sichern. Deren Integration in die „Volksgemeinschaft“ wurde durch die „Brechung des bürgerlichen Reiseprivilegs“ erreicht. Das DAF-Freizeitwerk „Kraft durch Freude“ stieg aus dem Stand zum weltgrößten Reiseveranstalter auf und schickte bis 1939 auf Kreuz-, Kurz- und Wanderfahrten 43 Millionen Deutsche in die Ferien – „eine gewaltige logistische Leistung“, die bis heute als das einzig „große Positive“ der NS-„Gefälligkeitsdiktatur“ (Götz Aly) wirke. Obwohl sie nicht den gewünschten Effekt gehabt habe, die mit dem sozialisierten Luxusgut Reise geköderten Arbeiter zu „treuen Gefolgsleuten des Führers“ zu erziehen.
Das „große Positive“, der Massentourismus, bestimmte dann auch die touristische Normalität in der Bonner Republik und in der DDR: Im kapitalistischen wie im sozialistischen System war jeder Anspruch aufgegeben, die „wertvollsten Wochen des Jahres“ könnten noch zu etwas anderem dienen als zum Privatvergnügen.
________________________________________________________________________________________________
Hasso Spode: Traum Zeit Reise. Eine Geschichte des Tourismus. Bebra Verlag, Berlin 2025, gebunden, 336 Seiten, Abbildungen, 30 Euro.





