Es geschehen wieder spannende Dinge in der Popmusik. Viele zarte neue Pflänzchen sprießen aus dem Boden; Pflänzchen, die sich wahlweise dem Mythischen, dem Kultigen oder dem Absonderlichen widmen und zudem, und das macht es besonders interessant, nicht Teil des noch immer herrschenden, oft zum Linken neigenden, Kulturbetriebs sind.
Beginnen wir mit dem Newcomer: Nino Hofmann ist ein junger Mann aus Wien und hat das nicht unerhebliche Kunststück vollbracht, bislang lediglich zwei Lieder veröffentlicht zu haben, damit aber bereits knapp 10.000 monatliche Hörer auf Spotify sein eigen nennen zu können. Die im Juni veröffentlichte Ballade „Sexytalien“ basiert dabei im wesentlichen auf einem Internet-Meme namens Eurosommer (JF berichtete) und besingt auf reichlich anzügliche Weise eine idealisierte mediterrane Lebensweise. Die Schlagworte: Europa retten, Frauen in Bikinis, Marlboro-Zigaretten zwischen rot geschminkten Lippen.
Einen noch durchschlagenderen Erfolg erzielte Hofmann mit dem Nachfolger „Dolce“ (mehr als 100.000mal angehört, knapp zwei Wochen nach Veröffentlichung), einem musikalischen Hybrid irgendwo zwischen Electro, Alternative und Trap, welcher als Reaktion auf einen Mode-Podcast entstand. In selbigen hatte sich die Moderatorin Stefanie Giesinger darüber beschwert, dass die Marke Dolce & Gabbana bei der Pariser Fashion Week keinerlei nicht-weiße Vorführdamen habe auftreten lassen: „Das waren alles weiße, schlanke Models.“
Der Musiker Bobplot frönt einer Internet-Ästhetik
Hofmann lässt dazu Trompeten dröhnen, einen Drumcomputer klackern und verklärt das italienische Modelabel als Hort der ästhetischen Revolution: „Die Kleine hat einen Körper wie ein Model, ja sie moggt mich. Sie und ihre Mädels schrei’n Parolen in meinem Moshpit. Sie hört keinen Rap, sie kommt nur her für die Optics. Sie will mit Faschos raven, sie ist eine Hugo-Boss-Bitch.“
Passend dazu auch das Video, mit welchem der Song beworben wurde: Der Musiker sitzt mit Vokuhila-Frisur und Sonnenbrille breitbeinig auf einer Couch, lässt sich von seiner osteuropäisch aussehenden Sekretärin seine Zigarette anzünden und delegiert seine Anrufe an sie weiter. Das Publikum erwarte nun endlich sein neues Werk, informiert ihn diese. Doch der Künstler schweigt und raucht.
— Nino Hofmann (@nino_hofmann) August 29, 2026
Einen sehr anderen Ansatz verfolgt der aus Hessen stammende Musiker Bobplot. Zwar nehmen auch hier Elemente der Internet-Kultur – Verweise auf Memes, Selbstironie und Stil-Eklektizismus – einen prominenten Raum ein, gleichzeitig sind Musik und Stil denkbar weit entfernt von der distanziert-kühlen Art der Alpenrepublikaner. „Dadaistisch“ nennt der 24jährige seinen Stil gegenüber der JUNGEN FREIHEIT. „Dieses extrem überladene, All-over-the-place-mäßige“ habe ihm von Beginn an, das Projekt existiert seit 2019, vorgeschwebt, musikalisch wie ästhetisch.
In „Bienen machen Summ“ wabern Ambientschwaden
Wer den Youtube-Kanal von Bobplot aufruft, mag sich tatsächlich zunächst von diesem Überangebot an Zeichen und Symbolen erschlagen fühlen. Verworrene pixelige Grafiken voller grinsender Gesichter, Meme-Referenzen und okkulter Sigillen. Dem entspricht auch der Sound, ein zunächst chaotisch wirkendes Gemisch aus Metal, Electro und Rap, mit einer Vorliebe für schrille 8bit-Synthezisersounds. Geprägt worden sei er unter anderem durch den Musiker Johnny Franck, der diese Form „absurder Meme-Ästhetik“ bereits vor zehn Jahren bedient habe. Auch dessen Mix aus Post-Hardcore/Emocore und LoFi-Elektronic diene als Grundlage für Bobplot, „nur eben mit noch viel mehr musikalischen Einflüssen, teils auch aus dem Psychedelic, Prog, Jazz, oder eben auch Hyperpop“ (Lesen Sie hier ein JF-Stück zum Thema).
Da die Internet-Kultur mit der Zeit immer „esoterischer, verschachtelter und auch politischer“ wurde, wandelte sich auch die Musik entsprechend. „Das Meme ist die Politik, nicht anders herum“, stellt der Musiker klar, der Hypermaximalismus solle Verwirrung stiften, keine Botschaft übermitteln.
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Wie so etwas in der Praxis klingt? In „BMS – Bienen machen Summ“ wabern Ambientschwaden über einen Hip-Hop-Beat, eine Metal-Gitarre dröhnt dazwischen, und darüber informiert einen der Sprechgesang, dass Bienen, der Titel deutet es bereits an, „Summ“ machen. In „Tau mich auf“, einer Coverversion des Chart-Hits von Indie-Pop-Schmalzlocke Zartmann, hämmert ein orientalisch anmutender Beat neben Glöckchensounds und werden im Refrain wieder von einer dröhnenden Gitarre verdrängt. Und in „Werwolf“, einem Cover des möglicherweise bekanntesten deutschsprachigen Black-Metal-Songs, fiept das 8Bit-Keyboard grell über den sägenden Riffs.
Auch aus Großbritannien kommen neue Popmusik-Impulse
Neue Impulse kommen seit einiger Zeit auch, wie so häufig in der Popgeschichte, aus Großbritannien. Von 2015 bis 2025 veröffentlichte dort das Musiklabel A.S.K.E. (was für Anti-Social Kultur England stehen soll) eine kuriose Melange an Bands und Musikern aus den Bereichen Oi!-Musik, Black Metal und Power Electronics. Einige Bands wie Longbow oder Runeboy mixten dabei bislang unzusammenhängende Musikgenres wie Post-Punk, Oi! und Black Metal zu einem berauschenden Cocktail zusammen und entfachten damit zumindest in einigen nischigen Zirkeln einen Hype, der mittlerweile auch nach Deutschland geschwappt ist.

Seit 2023 produziert das deutsche Musiklabel Teufelsmoor einen stilistisch ganz ähnlichen Katalog, und die aus Bayern stammende Band Eychengeyst präsentiert ihren ganz eigenen (und unverblümt gesagt: genialen!) Mix aus rauhen, leicht angeblacktem Post-Punk und Neofolk.
Ein britischer Musiker, der sich am Rande dieses Milieus bewegt, dabei aber strikt sein eigenes Ding durchzieht, ist Martin Locker. Vom Beruf eigentlich Historiker und Buchautor, begann er in den späten 2010er Jahren, unter einer ganzen Reihe von Aliassen, Musik zu machen. Vor allem seine Reisen in die Pyrenäen und das Erforschen dieser Kultur (Locker veröffentlichte mehrere Bücher über die Folklore dieses Landstrichs), inspirierten ihn zu seinem Projekt Pyre:Numen, bei welchem er Ambient-, Neofolk- und zuweilen auch Metal-Einflüsse verwendet.
Die besten Ideen entstehen „outside the box“
„Ich bin vor neun Jahren nach Andorra gezogen und fand, dass sich die Region perfekt für meine Forschung eignet, zumal es auf englisch nicht besonders viel über die Pyrenäen gab. – da lag es nahe, die Gegend auch klanglich zu erkunden, um die Landschaften und Legenden widerzuspiegeln und zu versuchen, die verschiedenen Kulturen, Täler einzufangen“, erzählte Locker der JUNGENFREIHEIT.
Mit seinem Projekt Overtrodden widmet er sich hingegen der Archäologie Englands und unterlegt Samples aus Dokumentationen mit nostalgisch-warmen Ambientklangteppichen, die an das schottische Electronica-Projekt Boards of Canada erinnern. Inspiriert habe ihn dazu unter anderem die Atmosphäre britischer Techno-Festivals. „Ich sympathisiere mit der Hippie-Bewegung, mit den Crusties und alternativen Szenen, mit allen, die ein Leben außerhalb des Systems suchen“, betont der Historiker. „Ich fürchte, ich bin kein besonders gutes Beispiel für einen rechten Musiker“. Nun, die besten Ideen kommen eben nach wie vor zustande, wenn „outside the box“ gedacht wird.
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