Grellweiß gleißen in der Herbstsonne die 52 dorischen Marmorsäulen der Ruhmeshalle. Der Besucher wähnt sich vor Athens Akropolis. Doch das erhabene Monument steht auf dem Bräuberg in Donau-stauf bei Regensburg. Mit diesem klassizistischen Bauwerk in Gestalt eines von Säulen umgebenen antiken Tempels entstand im Auftrag des bayerischen Königs Ludwig I. eines der bedeutendsten deutschen Nationaldenkmäler. Vor dem Hintergrund des als schmachvoll empfundenen Siegeszugs Napoleons wächst in Ludwig schon als Kronprinz die Idee, einen Gedächtnisort für deutschsprachige Geistesgrößen und Kämpfer zu schaffen.
„Möchten die Deutschen nie vergessen, was den Befreiungskampf nothwendig machte und wodurch sie siegten“, lässt Ludwig als Widmung im Marmor der Halle verewigen. Auf seinen Wunsch nennt man das Bauwerk Walhalla. Walhall (altnordisch Valhöll) ist in der germanischen Mythologie der Aufenthaltsort des Göttervaters Wotan (in Skandinavien Odin). Walhalla ist ein Heldenparadies, in dem die in der Schlacht tapfer gefallenen Recken wieder erwachen und von Wotan geehrt werden.
Errichtet wurde die irdische Walhalla an der Donau von dem Architekten Leo von Klenze (1784–1864). Die entscheidende Inspiration für seinen Entwurf lieferte der berühmte Parthenon auf der Athener Akropolis. Die Grundsteinlegung erfolgte am 18. Oktober 1830, zwölf Jahre später, am 18. Oktober 1842, konnte die Walhalla von König Ludwig mit über 30.000 Gästen feierlich eröffnet werden. Das Datum hatte Symbolkraft, war es doch der 29. Jahrestag der Völkerschlacht von Leipzig.
Der Rotbart stirbt auf einem Kreuzzug
Feierliche Stille umfängt den Besucher, der die Ruhmeshalle betritt. Im Inneren des Gebäudes sind entlang der Wände über 130 Büsten und Gedenktafeln der von Ludwig, seinen Beratern und den Nachfolgern ausgewählten „Walhalla-Genossen“ aufgereiht. Darunter Könige und Kaiser, Feldherren, Wissenschaftler und Künstler. Der über den Büsten umlaufende Figurenfries entwirft eine ideale Geschichte der Germanen von den ersten Einwanderern bis zur Christianisierung im frühen Mittelalter. So beginnt in der Walhalla auch die Geschichte der Deutschen und ihrer Helden mit dem vermutlich um das Jahr 1200 entstandenen Nibelungenlied „unbekannter Dichter“, jenem Burgunder-Epos zu Worms, ein urdeutsches Schicksalsdrama von Liebe und Verrat, Siegfrieds Tod und Kriemhilds Rache.
Gleich nach den Nibelungen folgt die Büste des Freiheitskämpfers Hermann, auch Arminius genannt. Der Cherusker besiegt Roms Legionen in den deutschen Wäldern. An seiner Seite ist Kaiser Friedrich I. „Barbarossa“ zu bewundern. Der Rotbart stirbt auf einem Kreuzzug. Der Legende nach wohnt er in einer Höhle der nordthüringischen Kyffhäuserberge. Hier gibt es auch ein Bild von ihm in Felsgestein gehauen. Es heißt, wenn die Not in Deutschland am größten sei, werde Barbarossa wieder auferstehen, um für Recht und Ordnung zu sorgen.
„Kein Stand nicht, auch das weibliche Geschlecht nicht, ist ausgeschlossen. Gleichheit besteht in der Walhalla, hebt doch der Tod jeden irdischen Unterschied auf“, meinte König Ludwig. Und: „Nur teutscher Zunge zu seyn wird erfordert, um Walhallas Genosse werden zu können. Denn die Sprache ist das große Band, das verbindet, wäre jedes andere gleich zernichtet, denn in der Sprache währt geistiger Zusammenhang.“
„Mut, Mut, Ihr Deutschen“
In diesem Sinne waren auch Österreicher, Schweizer sowie Flamen und Niederländer aufnahmefähig. Zu den Geehrten kamen auf Ludwigs Anweisung auch viele historische Personen hinzu, die muttersprachlich keine Deutschen waren, aber prägend für die Bildung der Nation. So wurden Goten (König Theoderich) (Lesen Sie hier ein JF-Geschichtsstück zum Thema), Vandalen (König Geiserich) und Franken, wie König Chlodwig I., in die Walhalla aufgenommen.
Geehrt wird hier auch Franz von Sickingen (1481–1523), der „letzte Ritter“. Seine Devise: „In der äußersten Not soll man wagen und handeln, nicht lange überlegen.“ An seiner Seite sein Freund und Kampfgefährte Ulrich von Hutten (1488–1523), von Kaiser Maximilian mit dem Dichterlorbeer geehrt. Huttens poetische Weckrufe sind heute noch brisant: „Mut, Mut, Ihr Deutschen, hindurch, hindurch, es lebe die Freiheit!“
Schon damals nahm die Regierung keine Rücksicht auf die Volksseele
Einen Ehrenplatz in der Galerie der Geistesgrößen hat auch der niederländische Humanist, Theologe, Philosoph und Schriftsteller Desiderius Erasmus von Rotterdam (1467–1536), ein Suchender nach der Wahrheit („Über die Freiheit des Willens“). Heute erinnert unter anderem die AfD-nahe Desiderius-Erasmus-Stiftung e.V., der man eine staatliche Unterstützung verweigert, an den Universalgelehrten.
Erstaunlich, dass der bayerische Monarch den streitbaren Geist Johann Joseph von Görres (1776–1848) in seinen Tempel der Erinnerungen aufnahm. Der Dichter und Journalist versuchte in seiner Abhandlung „Europa und die Revolution“ nachzuweisen, wie wenig schon damals die Staaten und Regierungen auf die sogenannte Volksseele und das Christentum Rücksicht nahmen. Görres wurde von Ludwig sogar zum Professor für Geschichte nach München berufen.
Der König schuf die Walhalla auch zum eigenen Ruhm
Zahlreich vertreten sind in der Ruhmeshalle die Dichter und Denker des deutschen Volkes. Prächtige Büsten gibt es von den Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller und Joseph Freiherr von Eichendorff. Ehre, wem Ehre gebührt: Ewiges Gedenken auch für die heilkundige Äbtissin Hildegard von Bingen, Turnvater Friedrich Ludwig Jahn, den Augsburger Kaufmann Jakob Fugger und Peter Henlein, Erfinder der Taschenuhr. Ludwig, der gern Uniform mit Orden trug, verherrlichte besonders verdiente Militärstrategen: Es gibt eine Kopfparade der Generäle Wallenstein, Scharnhorst, Gneisenau und Moltke. Eindrucksvoll die Büste von Otto von Bismarck, fast 20 Jahre Reichskanzler bis 1890. Bismarck genoss volkstümliche Verehrung, führte die deutsche Einigung herbei, war Schöpfer des Deutschen Reiches von 1871.

Der König schuf die Walhalla auch zum eigenen Ruhm: An der Stirnseite der Halle steht von ihm eine große, freistehende Statue, vom dankbaren Volk gewidmet. Der Monarch galt als zwiespältige Persönlichkeit, ein Romantiker, der vom Volk äußerste Sparsamkeit forderte, aber gleichzeitig ungeheure Summen für Prachtbauten ausgab. Ludwig errichtete in München Feldherrenhalle, Sieges-tor und Königsplatz. Doch die Walhalla war mit Baukosten von vier Millionen Gulden (etwa 100 Millionen Euro) sein teuerstes Projekt.
Nach dem Tod König Ludwigs I. (1868) und der Reichsgründung 1871 bis in die NS-Zeit hinein erfolgten nur noch weniger als zehn Neuaufnahmen in die Walhalla, darunter die Büsten von Kaiser Wilhelm I. (1898), Bismarck (1908) und Richard Wagner (1913). Die NSDAP versuchte das Nationaldenkmal für ihre politischen Zwecke zu nutzen. Hitler persönlich enthüllte am 6. Juni 1937 die Büste des von ihm verehrten österreichischen Komponisten Anton Bruckner, einer der kraftvollsten Sinfoniker.
Später stieß Widerstandskämpferin Sophie Scholl dazu
Nach 1945 besannen sich die Deutschen langsam wieder auf ihre große positive Geschichte. Heute entscheidet der Bayerische Ministerrat nach Prüfung durch die Bayerische Akademie der Wissenschaften über neue Ehrungen in der Walhalla. Bereits 1948 gab es einen Ehrenplatz für den Komponisten Max Reger, 1990 für den Physiker Albert Einstein und 1999 für Konrad Adenauer, den ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland.
Vier Jahre später wurde die Büste der NS-Widerstandskämpferin Sophie Scholl (Lesen Sie hier ein JF-Geschichtsstück zum Thema) an den letzten Platz neben dem Eingang gestellt. Eine Gedenktafel lobt ihren Kampf gegen den Nationalsozialismus: „Im Gedenken an alle, die gegen Unrecht, Gewalt und Terror des ‘Dritten Reichs’ mutig Widerstand leisteten.“ Nach ihr folgte 2007 das Standbild des Mathematikers Carl Friedrich Gauß, danach eine Büste der heiliggesprochenen Edith Stein. 2019 erhielt Käthe Kollwitz, sozialkritische Grafikerin und Bildhauerin, einen Ehrenplatz. Die letzte Aufnahme in der Gedenkstätte ist eine Büste des Physikers und Nobelpreisträgers Max Planck, die 2022 auf dem drittletzten Freiplatz aufgestellt wurde.
Die Bürgerrechtler der DDR warten vergeblich auf Würdigung
Dann gibt es da noch die „Halle der Erwartung“, nie vollendet, immer noch im Rohbau. Dort befinden sich freie Nischen, in denen man neue Büsten aufstellen könnte. Das wäre eigentlich ein Platz für Claus Graf Schenk von Stauffenberg, der im Ehrentempel der Deutschen leider fehlt. Der Offizier legte am 20. Juli 1944 die Bombe gegen Hitler und wurde standrechtlich erschossen. Ebenso vermisst man in der Ruhmeshalle einen Ehrenplatz für Helmut Kohl, den Kanzler der Einheit. Auch warten die mutigen Bürgerrechtler der Ex-DDR bis heute vergeblich hier auf eine Würdigung – oder ein großes Denkmal für ihre friedliche Revolution.
Immerhin will Kulturstaatsminister Wolfram Weimer „Deutschlands Kulturbauten von Nord bis Süd aus allen Jahrhunderten und allen Kultur-epochen zum Leuchten bringen“. Sein Projekt wird mit insgesamt 35 Millionen Euro gefördert. Mit dem Bau einer Gedenkstätte „Wiedervereinigung“ würde er Geschichte schreiben.






