Ein aristokratischer Zwischenruf

Im eintönigen Medienkonzert der Rußland-Verdrescher ist für differenzierte und nachdenkliche Zwischentöne wenig Platz. Da verwundert es kaum, daß der offene Brief, mit dem die Nachfahren emigrierter russischer Aristokraten zur Weihnachtszeit die „Doppelstandards“ der westlichen Ukraine-Politik anprangern, im Medienhauptstrom unbeachtet geblieben ist.

Klangvolle Namen finden sich in der Unterzeichnerliste: Fürsten und Grafen, Nachfahren der großen Dichter Puschkin und Tolstoj und der Heerführer Kutusow und Suworow, Mitglieder deutschbaltischer Adelsfamilien, die den Zaren als Offiziere und Diplomaten gedient hatten. Eine Trägerin des Namens von Rennenkampff, bekannt durch den 1914 bei der Invasion Ostpreußens geschlagenen Kommandeur der Njemen-Armee, ist ebenso darunter wie ein Alexandr Koltschak, wohl ein Verwandter des gleichnamigen Admirals, der von Sibirien aus im Bürgerkrieg den weißen Widerstand gegen die Bolschewiki führte.

Moskau werde „ohne Beweise für schuldig erklärt, während gegenüber anderen Ländern Nachsichtigkeit gilt, darunter bei der Wahrung der Menschenrechte“, kritisieren die Aristokraten. Obwohl und gerade weil sie die Werte Europas schätzen und verteidigen und nach wie vor die „verbrecherischen Taten der Bolschewisten und ihrer Nachfolger“ verurteilen, wollen sie sich nicht „mit der täglichen Verleumdung des heutigen Rußlands, seiner Führung und seines Präsidenten abfinden, gegen die Sanktionen verhängt wurden“.

„Empörende Russenfeindlichkeit“

Die „empörende Russenfeindlichkeit“ und das „heuchlerische Herangehen“, heißt es in dem Aufruf weiter, „widerspricht völlig den Interessen des von uns geliebten Europas. Wir hoffen, daß die Länder, die uns einst ein Zuhause gegeben hatten, sich wieder für den Weg der Vernunft und der Neutralität entscheiden“.

Bemerkenswert an dem offenen Brief ist nicht nur die Verbundenheit der Nachkommen jener „weißen“ Aristokraten, die nach der Revolution vor fast einem Jahrhundert nach Westeuropa emigriert waren, mit einem Mutterland, das viele von ihnen wohl nie betreten haben, sondern auch der Zusammenhalt untereinander, den sie offenkundig über Ländergrenzen hinweg gewahrt haben: Die Unterzeichner leben heute in England und Frankreich, Belgien und der Schweiz, Deutschland und Österreich, aber auch in Kanada und Südafrika.

Daß das Gros der Unterstützer in Großbritannien und Frankreich wohnen, ist im mehrfachen Sinn kein Zufall. Die Verbündeten des im ersten Weltkrieg untergegangenen Zarenreiches waren für viele politische Emigranten die erste Adresse, ihre Emigrantengemeinden wurden auch im zweiten Weltkrieg weniger durchgeschüttelt als die im deutschsprachigen Raum.

Die Doppelgesichtigkeit des Westens

Gerade im französischen und britischen Exil lernten die antibolschewistischen Emigranten allerdings auch früh die Doppelgesichtigkeit des Westens kennen. Nachdem sie Rußlands Armee rücksichtslos für ihren Kampf gegen Deutschland hatten bluten lassen, war es für London und Paris mit der Verbündeten-Solidarität vorbei, sobald sie nicht mehr gebraucht wurde. Kaum war Deutschland endgültig besiegt, stellten England und Frankreich jede Unterstützung für die „weißen“ Bürgerkriegsarmeen ein. Weiße Truppenführer, die nicht gegen Deutschland kämpfen wollten wie der später ins Berliner Exil gegangene Kosaken-Ataman Pjotr Krasnow, waren schon vorher sabotiert und kaltgestellt worden.

Nach dem zweiten Weltkrieg waren es gerade die Briten, die ihre einstigen Waffengefährten kaltschnäuzig an Stalin auslieferten, der sie in einer Blutorgie massakrieren ließ. Ein Völkerrechtsbruch auf besonderen Wunsch des Diktators – viele der Emigranten waren nie sowjetische Staatsbürger gewesen.

Ein anderer Graf Tolstoj, der nicht auf der Unterzeichnerliste steht, der britische Historiker und 1935 geborene Dichter-Großneffe Nikolaj Tolstoj, hat dem in britisch-sowjetischer Kooperation begangenen Massaker ein literarisches Denkmal gesetzt. Dessen Höhepunkt, die mit einem Täuschungsmanöver vollzogene Übergabe und sofortige Niedermetzelung der in Kärnten internierten Soldaten der auf deutscher Seite kämpfenden drei Divisionen des XV. Kosaken-Kavallerie-Korps und ihrer Familien, wird in „Victims of Yalta“ („Die Verratenen von Jalta“) eindringlich beschrieben.

Anzeigenkampagne geplant

1989 führte Nikolaj Tolstoj einen jahrelangen Prozeß gegen einen der damals verantwortlichen Generäle, den späteren Tory-Minister Lord Aldington, den er als Kriegsverbrecher bezeichnet hatte. Tolstoj verlor, wurde aber von zahlreichen Emigranten, darunter auch Alexander Solschenizyn, finanziell unterstützt.

Seine Standesgenossen wollen russischen Medienberichten zufolge mit einer Anzeigenkampagne auf eigene Kosten ihren Aufruf in der europäischen Presse bekanntmachen. Es wird wohl der einzige Weg für sie sein, um Beachtung zu finden.

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