Die Bilanz für die sogenannten Schulproteste in Frankreich spricht eine eindeutige Sprache: Seit dem 21. September waren 1.027 weiterführende Schulen von Protestaktionen betroffen. 222 hat man vollständig blockiert; teilweise haben die Blockierer die Gebäude schwer beschädigt, so etwa den Eingangsbereich des Lycée Nelson Mandela in Nantes durch Brandstiftung. Insgesamt kam es zu knapp 2.000 Festnahmen. 540 Personen wurden verletzt, darunter 305 Polizisten und Gendarmen, 65 Angestellte des Bildungswesens und 170 Schüler. Aufsehen erregte die Verfolgung einer Polizistin unter dem Schlachtruf „Tötet sie!“ und das Besprühen eines Schulleiters und seines Stellvertreters mit Benzin, denen man androhte, sie zu verbrennen.
🚨 ALERTE – L’entrée du lycée Roger Verlomme, à Paris (15ème), EST EN FEU. pic.twitter.com/Af9ptW8Nza
— Frontières (@Frontieresmedia) October 2, 2026
Dieses Vorgehen widerspricht offensichtlich der Behauptung, dass es den Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die den Protest tragen, um die konkrete Verbesserung der Bedingungen an den Schulen geht. Fraglos sind manche Einrichtungen in einem maroden Zustand und führen Lehrermangel wie Überfüllung der Klassen zur Verschlechterung der pädagogischen Arbeit. Aber das kann weder die blinde Zerstörungswut noch die zunehmende Radikalisierung erklären. Die ist auch nicht darauf zurückzuführen, dass die Schulen alle in irgendwelchen „sensiblen Vierteln“ liegen.

An der Fassade des traditionsreichen Gymnasiums Henri IV. in Paris wurde oberhalb einer provisorischen Barrikade jedenfalls ein Transparent mit der Aufschrift „Die jeunesse dorée (quasi die privilegierte Jugend, Anm. d. Red.) sch … auf Bolloré“ angebracht – gemeint ist der konservative Verleger Vincent Bolloré -, womit man sich problemlos ideologisch einreiht in das, was sonst auf Plakaten oder Graffiti zu lesen ist: „All Cops are bastards“, „Siamo tutti antifascisti“, „Die Jugend hasst den RN“, „Sch … auf das Abitur“ oder „Free Palestine“.
Linksextreme Partei hofft auf „Konvergenz der Kämpfe“
Nachdem das Bildungsministerium anfangs auf Deeskalation gesetzt hat – man suchte das Gespräch mit dem organisierten Teil der Gymnasiasten und schaltete ein Diskussionsforum im Netz frei – und die Polizei die Anweisung erhielt, Abstand zu den Blockaden zu halten und in Paris kein Tränengas einzusetzen, scheint diese Strategie nun an ihr Ende zu kommen. Der Hauptgrund dürfte in der Einsicht liegen, dass man es nicht mit einem spontanen Protest zu tun hat.
Bei einer interministeriellen Krisensitzung am gestrigen Abend wurde vielmehr festgestellt, dass die Partei La France insoumise (LFI) und ihre Vorfeldorganisationen „hinter der Bewegung stehen“, weil man sich eine „Konvergenz der Kämpfe“ zunutze machen wolle.
Outrage in France after Bally Bagayoko, the far-left mayor of the country’s most infamous no-go zone Saint-Denis joined student rioters who were attacking a high school in the area.
He could be seen laughing with them, giving high fives and jumping up and down.
Bagayoko is the… pic.twitter.com/FuawgU2iIY
— Visegrád 24 (@visegrad24) September 30, 2026
Tatsächlich hat die Führung der LFI mehrfach ihre Solidarität mit den Schülern erklärt. Besonderes Aufsehen erregte das Erscheinen Bally Bagayokos, des schwarzen Bürgermeisters von Saint-Denis, an den Barrikaden, schon wegen des Freudentanzes, den er social-media-gerecht aufgeführt hat, und wegen des Versuchs, eine Verknüpfung mit seiner Idee eines Rassenkampfes zwischen dem „Alten“ und dem „Neuen Frankreich“ herzustellen.
Mélenchon solidarisiert sich mit dem Mob
Wobei es ihm nicht nur darum ging, dass die Aktionen an den Schulen in hohem Maße von Heranwachsenden mit Migrationserfahrung getragen wurden, sondern auch um die Behauptung, dass die Jugend bereitstehe, mit Gewalt für das zu kämpfen was der LFI als gesellschaftlichen Fortschritt betrachtet. Bagayoko weiß sich da in Übereinstimmung mit dem LFI-Vorsitzende Jean-Luc Mélenchon, der bereits am 28. September über X hat verlauten lassen, dass die Verantwortung für jede Eskalation nicht bei den „demonstrierenden Schülern“ liege, sondern bei der Regierung, die ein „hartes Durchgreifen“ praktiziere: „Diese Brutalität ist unverantwortlich und hat einen offensichtlichen rassistischen Beigeschmack. Lasst unsere Jugendlichen in Ruhe. Gewählte Vertreter und Aktivisten der ‘Insoumis‘, greift überall ein, wo ihr könnt.“
Looting has begun in France. We had no doubt that it would start. France today has no future. pic.twitter.com/puJS8TuBce
— RadioGenoa (@RadioGenoa) October 2, 2026
Tatsächlich dient das Auftreten von Abgeordneten und Funktionären der LFI bei den Blockaden oder Demonstrationsmärschen, dem Ziel, eine möglichst breite „Volksfront“ vorzubereiten, die für den Fall einer erwartbaren Niederlage Mélenchons bei den kommenden Präsidentschaftswahlen mit jener Revolutionsdrohung Ernst machen soll, die er schon mehrfach für den Fall eines Sieges der „Faschistin“ Marine Le Pen ausgesprochen hat.
Mag das auch nur Theaterdonner sein, bleibt doch daran zu erinnern, dass die massiven Auseinandersetzungen an den französischen Schulen, die die Algerienkrise zu Beginn der 1960er Jahre begleiteten, einen Auftakt für den „Roten Mai“ `68 bedeuteten.





