Es ist das Thema, das die CDU zerreißt: Bleibt die Brandmauer zur AfD bestehen oder nicht? Als die Partei 2018 auf ihrem Bundesparteitag einen Abgrenzungsbeschluss zu Linkspartei und AfD fasste, geschah dies noch aus einer Position der Stärke. Bei der Bundestagswahl 2017 hatte die Union 32,9 Prozent eingefahren, nach dem Parteitag lag sie bei 29 Prozent und die AfD bei 16 – inzwischen haben beide Parteien die Rollen fast getauscht.
Bei einem Hintergrundgespräch offenbart ein einflussreicher Netzwerker in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, dass die Option der Zusammenarbeit mit der AfD immer mehr an Zustimmung gewinnt. Ein Treiber ist die wachsende Selbstblockade der schwarz-roten Bundesregierung. Die SPD hintertreibe dringende Reformen, vor allem im Sozialbereich. Das sei nachvollziehbar: Inzwischen sei die SPD so schwach, dass sie nur noch wenige Direktmandate erwarten könne.
2021 waren von 206 Mandaten noch 121 Wahlkreisabgeordnete. Schon 2025 konnten nur noch ein Drittel (44) von 120 Sitzen direkt gewonnen werden. Die Politik der SPD und das Verhalten ihrer Akteure sei darauf ausgerichtet, ob sie beim Aufstellungsparteitag für die Bundestagswahl überhaupt noch einen sicheren Listenplatz bekämen. Dort rechneten diejenigen mit „Belohnung“, die soziale Einschnitte blockiert hätten. Zu Zeiten des Reformkanzlers Gerhard Schröder holten noch zwei Drittel der SPD-Abgeordneten ein Direktmandat über einen Wahlkreis. Sie kannten dort die Lage der Unternehmen und wussten, was nötig war. Das spiele praktisch keine Rolle mehr, verrät der Bundestagsabgeordnete.
Grüne und Linke können die CDU erpressen
Die Brandmauer, das Kontaktverbot, das die Union über die AfD verhängt hat, wird von links gefeiert: Die Union ist damit dauerhaft zum strategischen Mehrheitsbeschaffer grün-roter Politik degradiert. In Berlin ist gerade zu besichtigen, wie SPD und Grüne selbstverständlich mit der Linkspartei Sondierungsgespräche führen (JF berichtete), obwohl es dort eklatante Verstrickungen mit Vertretern der Organisierten Kriminalität, kommunistischen Enteignungsfuror, eine starke Strömung aggressiver „Migrantifa“, Akteure der israel- und judenfeindlichen Pro-Palästinaszene gibt.
Aber: Grüne und Linke demonstrieren mit ihren Sondierungsgesprächen, dass sie keinesfalls an ein Bündnis der „demokratischen Mitte“ gefesselt sind. Sie haben eine linke Alternative. Sie können – auch wenn Verhandlungen über ein rot-rot-grünes Bündnis wackeln sollten – der CDU Daumenschrauben ansetzen und bei Gesprächen mit ihr maximale Konzessionen erzwingen. Das ist Machtpolitik.
Die Erkenntnis, dass in dieser asymmetrischen Konstellation linke Parteien bei Verhandlungen gegenüber einer schrumpfenden, sich mit der Brandmauer selbst kastrierenden CDU stets den längeren Löffel haben, scheint allmählich auch in wachsenden Teilen der Union durchzudringen. Inzwischen geht es um das nackte Überleben.
Ergebnisoffene Abstimmungen sorgen für Unruhe
Einer der Köpfe, die nicht erst jetzt in der CDU für einen Strategiewechsel plädieren, ist Andreas Rödder, Chef der liberalkonservativen Denkfabrik Republik21. Er hatte seinen Posten als Vorsitzender der CDU-Grundwertekommission im September 2023 räumen müssen, weil er eine Abkehr von der Brandmauer und stattdessen „rote Linien“ für den Umgang mit der AfD gefordert hatte. Auch plädierte er schon damals für die Bildung von Minderheitsregierungen in den Ländern und löste damit einen Proteststurm in seiner Partei aus.
Bei Markus Lanz wurden am vergangenen Donnerstag im ZDF die gängigen Argumente dazu in einem Gespräch mit dem Historiker Herfried Münkler, der Erziehungswissenschaftlerin Nina Kolleck und dem Hauptstadtjournalisten Robin Alexander ausgetauscht.
Die Runde umkreiste erneut die Frage, warum es – aus Sicht von Münkler, Kolleck und Alexander – keine Änderungen des Umgangs mit der AfD benötige und sich die „demokratische Mitte“ Hand in Hand mit der Linkspartei in einer Wagenburg einigeln könne. Erhebliche Unruhe hatten nach der Wahl in Sachsen-Anhalt Gerüchte ausgelöst, es werde im „Umfeld des Kanzleramtes“ über einen Bruch der Koalition und die Option einer Minderheitsregierung nachgedacht – was offene Abstimmungen auch mit Stimmen der AfD bedeuten würde.
Mäßigungsforderungen an die AfD sind Heuchelei pur
Für Herfried Münkler beträte die Union die „Todeszone“, wenn sie eine Minderheitsregierung testen würde. Robin Alexander hält das Konzept für eine „Falle“ der AfD und bezweifelt, ob die AfD aktuell Sozialreformen mittragen würde. Und überhaupt: Bezieht die AfD nicht auf vielen politischen Feldern Positionen, die mit der Union inkompatibel sind? EU, Euro, Nato und so weiter? Doch wie will man dies bei fortgesetzter Gesprächsverweigerung ausloten? Diese Frage bleibt offen.
🚨🇩🇪 Es ist wirklich UNGLAUBLICH, wenn der gemäßigte Ansatz von Andreas Rödder für eine demokratische Zusammenarbeit zwischen #AfD und #Union von #Lanz niedergemacht wird. pic.twitter.com/pKkr4lyDP3
— Dominik Kettner (@Dominik_Kettner) September 25, 2026
Rödder vertritt die Ansicht, die Brandmauer trage entscheidend zur problematisierten Radikalisierung der AfD bei, da sie der AfD keinen „Anreiz“ biete, überzogene, unrealistische Positionen zu überdenken und zu entschärfen. Wegen der Gesprächsverweigerung der etablierten Parteien gebe es keine Regierungsperspektive und damit auch keine Notwendigkeit einer Korrektur.
Es ist schlicht Heuchelei, wenn Robin Alexander beteuert, die AfD müsse nur einen Parteitag abhalten, auf dem sie nach dem Vorbild der vom Postfaschismus geläuterten italienischen Ministerpräsidentin Giorgia Meloni ihre Haltung zu EU und Nato klären könne. Er wäre dann der erste, der einen Artikel schreibe: „Die Brandmauer fällt“. Warum sollte die AfD zu einem Zeitpunkt programmatische Konzessionen machen, wenn man ihr grundsätzlich jedes Gespräch verweigert?
Ohne Brandmauer hätte die CDU ein Druckmittel
In Wahrheit dominiert im öffentlichen Diskurs etablierter Medien und Parteien die fundamentale Weigerung, grundsätzlich eine demokratische Partei rechts der Union zu akzeptieren – völlig gleichgültig ob gemäßigt oder nicht. Es geht um die strategische Blockade einer tragfähigen Mehrheit Mitte-Rechts, die auf eine tiefgreifende politische Wende in Deutschland hinausliefe.
Deshalb ist schon ein annähernd „normaler“ menschlicher Umgang, die Eröffnung eines Gesprächsfadens ein Tabubruch, den es zu torpedieren gilt – weil er die Union in eine stärkere Verhandlungsposition gegenüber Rot-Grün versetzen würde. Sie hätte erstmals ein Druckmittel. Wenn sie den Mut dazu hätte.
Der Fall der Brandmauer wäre „der große Niedergang“ der CDU, orakelt aber warnend die FAZ. Das Festhalten an der Brandmauer hat die Union längst halbiert. In Wahrheit bedeutete ihr Einsturz für die AfD ein Risiko. Sie wird spätestens dann auf vielen Gebieten mit der Realität konfrontiert, was Regieren bedeutet. Die Aufgabe illusionärer Vorstellungen wäre eine notwendige Konsequenz.







