Es ist einfacher, die Nadel im Heuhaufen zu finden, als einen Film eines großen TV-Studios, der die Geschichte eines Linken erzählt, der zur Vernunft kommt und sich zu einem Konservativen wandelt. Der umgekehrte Fall dagegen ist einer der Lieblingsplots der Filmindustrie. Allerspätestens seit „American History X“ (1998) ist ein ganzes Filmgenre entstanden.
Vom prügelnden unsympathischen Rechtsextremen zum reflektierten Antirassisten. Hollywood liebt solche Geschichten. Auch „Gran Torino“ vom und mit dem großartigen Clint Eastwood beschäftigte sich mit der Wandlung eines verbitterten, erzkonservativen rassistischen Kriegsveteranen, der sich zum Mentor eines vietnamesischen Nachbarsjungen mausert und ihm am Ende in einer selbstaufopfernden Geste erst das Leben rettet und ihm dann auch noch seinen wertvollsten Besitz hinterlässt. Denn die eigene Familie ist natürlich undankbar und kann mit dem grimmigen alten Knochen nichts anfangen.
Geschichten, die die Menschen hören sollen
Nicht, dass ein falscher Eindruck entsteht: „Gran Torino“ ist ein wirklich fabelhafter, anrührender Film. Aber der Ton ist gesetzt. Das ist es, was die liberalen Eliten hier und auf der anderen Seite des Atlantiks verzückt. Das sind die Geschichten, die sie erzählen. Das sind die Geschichten, die die Menschen hören sollen.
Diese Rechts-nach-Links-Wandlung ist auch im realen Leben eine Erzählung, die denjenigen, die sie durchmachen, eher Türen öffnet und Anerkennung einbringt, als dass sie hinterfragt werden. Erinnert sich noch jemand an Heiner Geißler? Gestartet als Stahlhelmer der CDU, wurde er mit der Zeit, nennen wir es freundlich, „altersmilde“. Am Ende seines Lebens wollte er die Siegessäule in Berlin sprengen. „Das ist wilhelminischer Kitsch. Die Siegessäule ist das dümmste Denkmal, das in Deutschland herumsteht“, begründete Geißler seine Forderung. Weil, klar, „ein Symbol für Nationalismus und Militarismus“ nicht in die Zeit passe. Die Zeit ist mittlerweile über Heiner Geißler hinweggegangen.
Überhaupt scheint das Amt des CDU-Generalsekretärs so eine Art Quell zu sein, sich später vom eigenen Wirken und einem Unions-Konservatismus möglichst deutlich zu distanzieren. Siehe Ruprecht Polenz. Er bekommt nun Preise, die es unter anderen Vorzeichen nie gegeben hätte. Und er bekommt Applaus von Leuten, die auch eine CDU unter Daniel Günther nie wählen würden. Aber: Er bekommt Applaus. Und das ist es, was zählt, das ist es, was die „liberale Demokratie“ und die staatlich durchfinanzierte „Zivilgesellschaft“ lesen wollen.
Ehemann von Grünen-Politikerin war in seiner Jugend Rechtsextremist
Womit wir bei der Grünen-Spitzenkandidatin von Sachsen-Anhalt, Susan Sziborra-Seidlitz, und ihrem Ehemann wären. Der war in seiner Jugend zweifellos in der rechtsextremen Szene unterwegs. Er hat sich öffentlich und vor Gericht mit einer eidesstattlichen Versicherung von seinem Wirken distanziert. Die AfD darf ihn laut einem Gerichtsurteil nicht mehr als Neonazi bezeichnen.
Die Informationen über David Seidlitz sind nicht neu. Die Magdeburger Volksstimme berichtete dazu bereits im Frühjahr. Auch Sziborra-Seidlitz äußerte sich im Landtag dazu bereits vor einiger Zeit. Niemand kann in den Kopf ihres Partners schauen, aber es spricht alles dafür, dass – aus seiner Sicht – er mit seiner langen zurückliegenden Vergangenheit gebrochen hat.
Nun, kurz vor der Wahl in Sachsen-Anhalt, macht die Geschichte erneut die Runde, nachdem das Compact-Magazin Seidlitz wieder konfrontierte (JF berichtete). Der Umgang mit dem Mann der Grünen-Politikerin verrät einiges darüber, wie in Deutschland mit Aussteigern aus der rechtsextremen Szene umgegangen wird – und die Geschichte kann nicht ohne die AfD erzählt werden. Denn nicht nur David Seidlitz war früher in der rechtsextremen Szene unterwegs, sondern auch zwei enge Vertraute des laut Spiegel „gefährlichsten“ Mannes Deutschlands.
Muss der große Kotau gemacht werden?
Die Rede ist natürlich von Ulrich Siegmund. Die beiden Mitarbeiter waren unstrittig vor mehr als 20 Jahren bei der 2009 vom Innenministerium verbotenen „Heimattreuen Deutschen Jugend“ aktiv. Auch das ist bekannt und wurde immer mal wieder durch die Medien gezogen. Schaut man sich die dünne Geschichte des Hamburger Magazins zum ikonisch gewordenen Cover an, ist die Vergangenheit der beiden Mitarbeiter noch mit das Handfesteste.
Der Umgang mit den Personalien wirft ein Schlaglicht auf das, was die Gesellschaft von (ehemaligen) Rechtsextremisten erwartet. Sie können sich nur dann in der Öffentlichkeit rehabilitieren, wenn sie den möglichst großen Kotau machen, wenn sie möglichst weit auf der linken Seite des politischen Spektrums landen.
Kann ein Rechtsextremist zum Rechten werden?
Nicht vorgesehen ist in der bundesdeutschen Aussteigererzählung die Wandlung von einem Rechtsextremisten zu einem Rechten. Das hat auch damit zu tun, dass seit Jahrzehnten – und zunehmend fruchtlos – zum „Kampf gegen rechts“ getrommelt wurde und eben nicht zum „Kampf gegen Rechtsextremismus“. Ganz vorne mit dabei: die CDU. Wer sich für eine restriktive Einwanderungspolitik starkmacht, prügelt im Zweifelsfall auch Ausländer durch die Straßen.
Diese Begriffsvermischung war politisch gewollt, wurde gezielt betrieben und hatte einzig und allein das Ziel, eine rechte Politik und eine rechte Partei in Deutschland zu verhindern. Gespeist aus einem nicht anders als „Schuldkult“ zu nennenden Vergangenheitskomplex. Auch der verliert angesichts der Zustände im Land an Strahlkraft und wird nun von der rechten Seite mit dem nicht weniger simplifizierenden Argument gekontert, Hitler sei links, weil die NSDAP ja das „sozialistisch“ im Namen trägt. Fast so, als sei die Deutsche Demokratische Republik eine Demokratie gewesen. Hauptsache, der andere ist Hitler.
Der Fall Daniel Fiß
Diese Art der, freundlich ausgedrückt, eher oberflächlichen Auseinandersetzung mit der Geschichte spielt bis heute eine Rolle, wenn es um den Umgang mit Aussteigern geht. Jüngst erschien in der Welt eine Reportage mit dem Titel „Generation Rechts“. Protagonisten waren eine „Influencerin“ der rechtsextremen Splittergruppe „Junge Nationalisten“ („Die Überzeugte“), der politische Wendehals und Beinahe-Sezessions-Autor Erik Ahrens („Die Aussteiger“) und Daniel Fiß („Der Stratege“).
Ich kenne Fiß. Er ist ein kluger Kopf, wohl einer der klügsten, den die AfD hat. Der heute 33jährige war in seiner Jugendzeit im Umfeld der „Nationalen Sozialisten Rostock“ unterwegs, vor rund zehn Jahren war er für einige Jahre bei der „Identitären Bewegung“. Heute arbeitet er für die AfD und ist als politischer Berater tätig. Jüngst erschien sein Buch „Auf dem Weg zur Volkspartei. Eine Analyse“, das sich wissenschaftlich mit dem Aufstieg der AfD beschäftigt.
Fiß ist ganz ohne Frage ein Rechter. Und Fiß ist ganz fraglos kein Rechtsextremer. Er hat seinen Lebenslauf, seine Abkehr von der politischen Sackgasse auch öffentlich klug reflektiert, ohne sich in den Staub zu werfen und als Abbitte bei den Grünen oder der Linkspartei anzuheuern, um dort als abschreckendes Beispiel durch die Schulen zu ziehen, um die Kinder davor zu warnen, „rechts“ zu sein.
Aussteiger werden wie Tiere im Zoo begafft
Doch so ein Lebensweg ist nicht vorgesehen. Im angesprochenen Artikel der Welt wird absichtlich der Eindruck erweckt, er verkaufe eigentlich nur alten Wein in neuen Schläuchen. Weil rechts und rechtsextrem – da sind wir wieder – ja sowieso das gleiche ist.
Wenn über Aussteiger berichtet wird, dann geht es in der Regel nie um den Menschen an sich. Die Person und ihre Motivation dienen nur als grelle Beleuchtung eines für den Rest der Gesellschaft zu konstruierenden „warnenden Beispiels“. Da Fiß für so eine Erzählung aber nicht taugt, haftet ihm ein Makel an, den er im Zweifel auch aus Sicht der „Mitte“ der Gesellschaft nie ganz verlieren wird.
Menschen, die sich vom echten Rechtsextremismus lösen, werden ein bisschen wie Tiere im Zoo behandelt. Sie dienen nur zur Belustigung des Publikums und zur Befriedigung niederer Instinkte. Die Vergangenheit des Ehemanns von Grünen-Politikerin Sziborra-Seidlitz wird zur politischen Waffe gegen sie. Diese sei ja mit einem „Neonazi“ zusammen, weswegen es im Umkehrschluss dann kein Problem sein soll, wenn andere Parteien auch „Neonazis“ an Bord hätten. Doch wenn sich der Rauch nach so einer politischen Zirkuseinlage lichtet, wird am Ende doch nur das falsche Narrativ weiterverbreitet, gegen das man selbst kämpft.
Rechte müssen sich rechtfertigen
Der rechte Ex-Rechtsextremist bleibt immer ein Rechtsextremist im neuen Gewand, der linke Rechtsextremist immer ein heimlicher „Neonazi“. Am Ende zeigen dann alle gegenseitig mit dem Finger aufeinander, bezeichnen sich als Nazi, und jeder, der dieser Debatte folgt, geht dümmer heraus, als er es zu Beginn war.
Anstatt die Menschen an dem zu messen, was sie sagen und tun, wird ewiglich die Nazikeule geschwungen. Traurigerweise auch von denen, die am härtesten damit malträtiert werden. Der Komplexität des Themas wird das nicht gerecht.
Die Grünen sind selbst schuld
Um keinen Zweifel zu lassen, es waren vor allem die Grünen, die genau diese Debatte provoziert haben, indem sie anderen penetrant und bösartig eine im Zweifel längst überwundene Vergangenheit vorhalten, um daraus politisches Kapital zu schlagen und die eigene, stumpfe Anhängerschaft zu mobilisieren. Die Schlussfolgerung für die Rechte daraus kann allerdings nicht lauten, jetzt mit dem politischen Gegner ebenso dümmlich umzugehen.
Auch wenn wir genau wissen, welche Lebensgeschichte im Zweifel schon bald im öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit dramatischer Musik und erhobenem Zeigefinger verfilmt wird. Die von Daniel Fiß wird es nicht sein.





