„Die Sozis sind gar nicht so dumm, die haben nur ganz einfach Pech beim Denken!“, fand bekanntlich Wolfgang Menges „Ekel Alfred“ Tetzlaff. Aus Sicht der Christdemokratie ist das beneidenswert – die hat nämlich gerade auch bei allem anderen Pech. Sie hat Pech mit ihrem Kanzler, Pech mit ihrer Koalition, Pech mit ihrem Fraktionsvorsitzenden Spahn, der nach seinem Rücktritt eigentlich als Mitglied des Haushaltsausschusses wiederverwendet werden sollte, nach einem neuerlichen Fehltritt, abermals im Zusammenhang mit seinem offenbar erstaunlich bunten Privatleben, auch von dieser Funktion gleich wieder zurücktreten mußte.
König der Herzen und neuer „Master of Desaster“ der deutschen Christdemokratie ist aber derzeit Philipp Amthor, der groteske Kinderschnösel aus Mecklenburg, über den Hansjörg Müller, Berliner Korrespondent etlicher Schweizer Zeitungen, immerhin mit einiger Resonanz auf „X“ bemerkte: „Das Interessante an Philipp Amthor ist ja, dass sich hier ein Aufsteiger aus kleinen Verhältnissen in der Ästhetik & im Habitus des Bildungsbürgers an einem Milieu orientiert, das es so gar nicht mehr gibt. Er will ankommen, aber es gibt keinen Ort mehr, wo er ankommen könnte.“
Das Interessante an @philipp__amthor ist ja, dass sich hier ein Aufsteiger aus kleinen Verhältnissen in der Ästhetik & im Habitus des Bildungsbürgers an einem Milieu orientiert, das es so gar nicht mehr gibt. Er will ankommen, aber es gibt keinen Ort mehr, wo er ankommen könnte.
— Hansjörg Friedrich Müller (@hjf_mueller) September 28, 2026
Nun gibt es über den typischen Habitus des Bildungsbürgers vielleicht auch unterschiedliche Vorstellungen. Wir dachten bei Philipp Amthor immer schon eher an die Lehrer aus den seinerzeitigen „Pauker“-Filmen mit Hansi Kraus und Theo Lingen, in denen studierte, ehrpusselige Anzugträger gern mit Doktortitel, aber immer als schrille Karikaturen der abendländischen Selbstbesinnlichkeit in der Nachkriegsära vorgeführt werden.
Und die Filme waren gar nicht schlecht! Gerade wer sich ein wenig für die Schauspielkunst interessierte, konnte sich nämlich durchaus darüber begeistern, mit welcher sichtlichen Spielfreude sich große Charakterdarsteller (wie der erwähnte Theo Lingen oder auch Rudolf Schündler als „Oberstudienrat Knörz“) im fortgerückten Lebensalter in wilde Knallchargen verwandeln.
Linnemann wird zum traurigen Helden
Damals wußten allerdings auch alle: Es ist nur ein Film! Und das kann man bei der CDU leider so nicht sagen, obwohl auch dort jetzt ein Film gerade das neue Hauptproblem ist, der aber furchtbarerweise eben nicht „nur“ ein Film ist. Die ZDF-Dokumentation „Inside CDU“ wächst sich derzeit zum Problem, um nicht zu sagen: zu einer Katastrophe für die CDU aus. Während sich nun Hohn und Spott über den ewigen (und politisch sehr erfolgreichen) Nachwuchsstreber Amthor ergießen, der – vielleicht auch mit echter Spielfreude? – vor der Kamera eine derart groteske Karikatur dümmlicher Selbstgefälligkeit im Kanzleramt abliefert, dass manche inzwischen seine „Echtheit“ bezweifeln und in Amthor eine Art in die CDU eingeschleustes satirisches Projekt vermuten, bleibt der wahre traurige Held der Dokumentation am Ende Carsten Linnemann.
Und das ist dann eigentlich nur noch zum Heulen.
Der über die politischen Lager hinweg, auch und gerade bei konservativ-liberalen Kritikern der Union anerkannte Linnemann – bislang eine Art „Sunny-Boy“, was allerdings plötzlich endete, als er sein vielgeliebtes Amt als CDU-Generalsekretär aus nach wie vor völlig unerfindlichen Gründen von einem Tag auf den anderen aufgeben und als neuer Gesundheitsminister anfangen musste – scheint im Film nun den Satz von Franz Josef Strauß zu illustrieren: „Everybody’s darling is everybody’s Depp.“
„Der Bundeskanzler hat mir keine Wahl gelassen“
Wurde er doch – wie gesagt, niemand weiß, warum, Linnemann selbst scheint es am allerwenigsten zu wissen – vom Bundeskanzler gezwungen, ausgerechnet ein Amt und eine Funktion zu übernehmen, für die er sich anläßlich der letzten Regierungsbildung noch 2025 selbst für völlig ungeeignet erklärt hatte. Der inhaltliche Höhepunkt der Dokumentation ist bislang ohne Zweifel Linnemanns Satz: „Der Bundeskanzler hat mir keine Wahl gelassen! Es war ein faires Gespräch.“
Und hier entfaltet sich vor den Augen des jetzt wirklich nur noch entsetzten Zuschauers, wie vollkommen sich die Gedankentätigkeit auch eines intelligenten und durchaus anständigen Akteurs zu korrumpieren scheint, wenn er auch nur eine Zeitlang den ständigen, zumeist eigentlich inhaltsleeren Macht- und Ränkespielen ausgesetzt ist, beziehungsweise aktiv an ihnen mitwirken muß.
Der eigentlich kluge, sympathische Linnemann scheint selbst gar nicht zu bemerken, was für einen bestialischen Unsinn er da eigentlich erzählt – so wenig wie Amthor offenbar bemerkt, was für eine Karikatur er abgibt. Eine Demokratie, die ein solches Personal anzieht bzw. aus sich hervorbringt, ist nicht mehr funktional.
Die Botschaft von „Inside CDU“ ist sehr ernst
Philipp Amthor hat seinen Kanzleramts-Strandkorb, der im Film vorkommt und dort zu einer Art Ding-Symbol seiner Überheblichkeit wird, nun unverzüglich vom Balkon des Bundeskanzleramts ins Exil nach Mecklenburg-Vorpommern geschickt. Was für ein genialer Schachzug! Das ganze Internet höhnt jetzt: Der Strandkorb kann ruhig bleiben, Amthor muß weg!

Und Fußballfreund Carsten Linnemann, der sich in einer Filmszene darüber beschwert hatte, keiner der Journalisten wolle sich mit ihm über Fußball unterhalten (womit er wohl die ihm deutlich anzumerkende Anspannung an einem Wahlabend zu überspielen suchte), wird nun vom Spiegel erhört, der ihm in seinem Newsletter die bekannte „vulgäre Sportweisheit“ hinterherruft: „Hast Du Scheiße am Schuh, hast Du Scheiße am Schuh“.
Ist damit dann alles gesagt? Leider nicht. Das eigentliche Problem ist nämlich – und das wird beim Spiegel nicht erkannt – daß offenbar nicht die Person Carsten Linnemann „Scheiße am Schuh“ hat, womit man dann auch leben könnte, sondern die Demokratie, das ganze parteipolitische Regierungssystem überhaupt. Das ist die eigentliche Botschaft von „Inside CDU“, und die ist sehr ernstzunehmend.





