Gastarbeiter aus Griechenland, der Türkei und Spanien im Jahr 1966 bei der Arbeit in einer Großverzinkerei in Berlin
Gastarbeiter aus Griechenland, der Türkei und Spanien im Jahr 1966 bei der Arbeit in einer Großverzinkerei in Berlin Foto: picture-alliance / dpa | Konrad Giehr

Deutschland und die Gastarbeiter
 

Niemand verläßt Familie und Heimat für ein rassistisches Land

Beim Festakt zum 60. Jahrestag des „deutsch-türkischen Anwerbeabkommens“ sagte unser geschätzter Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vor kurzem über die Nachkommen der Gastarbeiter: „Sie sind eben nicht ‘Menschen mit Migrationshintergrund’. Sondern Deutschland ist ein Land mit Migrationshintergrund geworden. Und es ist höchste Zeit, daß wir uns dazu bekennen.“

Ob Steinmeier die Anwesenden im Anschluß an diesen Festakt zu sich nach Hause eingeladen und ihnen mitgeteilt hat, sie mögen sich bitte nicht als Gäste fühlen, sondern sich heimisch einrichten und er würde Bett und Frau mit ihnen teilen, ist leider nicht bekannt. Doch wie sieht ein Fazit denn nun aus? Was ist von diesem Jahrestag zu halten?

Um 60 Jahre Anwerbeabkommen adäquat beurteilen zu können, muß man sich die damalige Gedankenwelt vor Augen rufen. Wahnvorstellungen wie „Diversität“ und „Bereicherung durch Vielfalt“ waren mangels finanzieller Wohlfühlblase – wenn überhaupt – äußerst rar. Die Anwerbeabkommen basierten nicht wie die heutige Politik auf wohlklingender Sentimentalität, sondern waren mit eindeutig definierten und klar kommunizierten Erwartungen verbunden: Wir bieten sichere Arbeit, erwarten im Gegenzug aber fleißige Arbeiter, die sich für keine Aufgabe zu schade sind.

Autor Danner: Auch ich hatte Identifikationsprobleme
Autor Danner: Auch ich hatte Identifikationsprobleme Foto: privat

Obwohl die heutige Anti-Rassismuslobby – in Wirklichkeit fördert sie Rassismus unter umgekehrten Vorzeichen – keine Gelegenheit ausläßt, diesen Tausch als Diskriminierung darzustellen, sah die Realität ganz anders aus. Denn auch die Gastarbeiter empfanden das als gutes Geschäft: Sie waren bereit, hart zu arbeiten und wollten Geld verdienen, das sie sparen und mit dem sie sich nach ihrer Rückkehr in die Türkei ein schönes Leben finanzieren konnten. Niemand verläßt Familie, Freunde und Heimat für ein diskriminierendes oder gar rassistisches Land.

Für meinen Opa war Deutschland ein Traum

Wenn man gut bezahlter und unkündbarer Mitarbeiter eines öffentlich-rechtlichen Senders ist, mag das eine schwer vorstellbare Tatsache sein, aber die Gastarbeiter-Jobs am Band, im Bergbau und auf dem Bau waren für türkische Verhältnisse ein Traum. Wie das Leben in der Türkei aussah, ist heute nur noch schwer vorstellbar. Mein Opa verlor seinen Vater, von dem ich meinen Vornamen habe, als er zwölf war, also 1943. Fortan mußte er im Wald Holz hacken, damit er und seine Mutter nicht verhungerten oder erfroren. Ohne Schulbildung und Vater lebte er von der Hand in den Mund und war froh, wenn er den morgigen Tag erlebte. Die Chance, 1964 nach Deutschland zu kommen, war keine Diskriminierung, sondern eine Gelegenheit, wie man sie in seinem Leben nicht sehr oft bekommt.

Nachdem der Nachzug der Ehefrauen erlaubt wurde, waren Kinder die logische Konsequenz. Obwohl die CDU später versuchte, den Gastarbeitern die Rückkehr mit 5.000 Mark schmackhaft zu machen, gingen die wenigsten. Jemand muß vergessen haben, ihnen vom deutschen Rassismus zu erzählen.

Als in Deutschland geborener „Biodeutscher“ macht man sich darüber selten Gedanken, doch im Ausland neu anzufangen, ist nicht leicht. Neue Kultur, neue Sprache, neuer Job und die Frage, wer man ist. In der Türkei wurden sie bei ihren Sommerurlauben bald als „Almancılar“ („Deutschländer“) belächelt: als nicht vollwertige Türken, die ihre Heimat verraten. Es schwang wohl auch immer ein bißchen Neid mit, denn finanziell waren sie um Längen erfolgreicher als die „richtigen“ Türken. Daß sie dafür sechs Tage die Woche schufteten und den Rest des Jahres sparten, war ein Detail, das man nur zu gern übersah.

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Für meine Eltern und ihre Generation bot sich ein skurriler Anblick: In Deutschland wohnte man in Baracken, trug Kleider vom Sperrmüll und sparte sogar am Brot. Im Sommer stieg man dann ins Auto, wartete an den „Gümrüks“ (Grenzkontrollen) stundenlang, bis der Papa den richtigen Beamten mit der richtigen Anzahl an Zigaretten bestechen konnte und kam nach rund zwei Tagen in der Türkei an. Sobald sie aus dem Auto stiegen, gehörten sie plötzlich zur Oberschicht. Die Eltern wollten den Verwandten zeigen, was sie haben. „Klotzen, nicht kleckern“ lautete die Devise.

Meine Mutter hat mir oft erzählt, daß sie als kleines Kind dachte, das Auto sei eine Art Zeitmaschine, da die Welt, in der sie ausstieg, sich so fundamental von der unterschied, in der sie eingestiegen war.

Ich war zu dem geworden, was die Linken aus Minderheiten machen wollen

Leider setzte die Erkenntnis, länger in Deutschland zu bleiben, erst spät ein. Bei den meisten Türken aus meinem Umfeld hat sie es bis heute nicht. Die Weigerung der Politik, Klartext zu reden, hatte und hat profunde Konsequenzen: fernab einer Perspektive, entweder in der Türkei oder in Deutschland, waren sie gefangen zwischen zwei Welten. Im Südosten lockte das Wetter, die familiäre Atmosphäre, ein dank Hartwährung komfortabler Urlaub und die bekannte Umgebung. In Deutschland lagen hingegen die sichere Stelle, die mittlerweile heiratenden Kinder und eine Ordnung, die man – erst einmal an sie gewöhnt – nicht mehr missen möchte.

Auch ich hatte Identifikationsprobleme. Im frühen Jugendalter hatte ich eine stark pro-türkische Einstellung. Ich kaufte mir im Urlaub Pullover und T-Shirts mit Türkeiflagge, ließ mir einen Bart wachsen (wobei im nachhinein „Bärtchen“ treffender wäre) und trug eine Kette der Grauen Wölfe. Als mich mein Geschichtslehrer im Unterricht darauf ansprach, fragte ich ihn, ob er Nazi sei und mir die türkische Kultur madig machen wolle.

Ich war zu dem geworden, was die Linken aus Minderheiten machen wollen: ein passiv-aggressiver Proll, der vom deutschen Rassismus halluziniert, stetig neue Opferpunkte sammelt und sich prima in den „Kampf gegen Rechts“ einspannen läßt. Es war sehr bequem, bei jedem Versagen, das auf so ein Verhalten logisch folgt, die Rassismuskarte zu zücken. Leider war es auch sehr schädlich, und die Vier in Geschichte war nur die logische Konsequenz.

Trägt der deutsche Staat, der die Visa verlängerte, Familiennachzug erlaubte und später sogar den Doppelpaß einführte, die Verantwortung für diese Entwicklung? Oder eher die Türken, weil sie blieben? Die Wahrheit ist: Ich weiß es nicht. Was ich jedoch weiß, ist, wie fatal diese auf Kurzsicht beruhende Situation für kommende Generationen war. Ob in Beziehungen, im Beruf, in Anlageentscheidungen, bei der Ernährung oder in Hobbies: kurzfristiges Denken führt selten zum Erfolg.

Es hat sich nichts gebessert

Doch wie soll langfristiges Denken möglich sein, wenn eine anfangs auf wenige Jahre beschränkte Gast-Arbeit immer wieder und wieder halbherzig verzögert wird? Wenn erst den Frauen und dann den Kindern vorgegaukelt wird, sie seien Deutsche und könnten hier auf ewig bleiben, ohne sich zu integrieren? Wenn ihnen erzählt wird, einzig der deutsche Fremdenhaß halte sie davon ab, vollwertige und erfolgreiche deutsche Staatsbürger zu werden? Wenn die schiere Anzahl der irgendwann hier lebenden Türken sie als Wählergruppe so interessant machte, daß die Linken nicht widerstehen konnten, sie mit Hirngespinsten vom systematischen Rassismus kleinzuhalten und sich damit ihre Stimmen zu sichern?

Es ist unmöglich. Die langfristigen Folgen dieser kurzfristigen Politik können in jedem Wettbüro, (Jugend-)Gefängnis, Jobcenter und Drogenviertel in erschöpfender Weise beobachtet werden.

Als ich früher in der Moschee ehrenamtlich Deutsch- und Mathenachhilfe gegeben habe, war ich erstaunt, wie schlecht der Bildungsstand der türkischen Kinder war. Genau wie ich waren sie die dritte Generation, doch konnten sie keinen anständigen deutschen Satz formulieren. Heute kenne ich Vertreter der vierten Generation, und es hat sich nichts gebessert. Der Witz ist, auch wenn ich nicht lachen muß: Ihr Türkisch ist auch nicht viel besser.

Was bleibt also von Steinmeiers Behauptung, es seien keine Deutschen mit Migrationshintergrund? Die Erkenntnis, daß heutzutage jeder sagen kann, was er will, solange es nur gut klingt. Fragen nach Fakten, Beweisen und Argumente stören nur.

Ums Arbeiten geht es vielen Migranten heute nicht mehr

Natürlich gibt es Deutsche mit Migrationshintergrund. Ich bin einer von ihnen. Es ist kein Ballast, sondern eine Chance, sich das Beste aus zwei Kulturen anzueignen. Die Gastarbeiter kamen in ein Land, das sich fundamental vom heutigen Deutschland unterschied. Sie kamen nicht, weil im Deutschland der 70er Jahre Solidarität, Gendersterne und Quoten omnipräsent waren. Sie kamen, weil die deutsche Kultur – fernab woker Identitätspolitik – Wohlstand und Sicherheit bot. Etwas, das die von Steinmeier angepriesene Kultur den Gastarbeitern nicht bieten konnte.

Heute gibt es keine Gastarbeiter mehr. Der Begriff wäre auch fehl am Platz, denn ums Arbeiten geht es vielen Migranten schon lange nicht mehr.

Die Deutschen befinden sich in einem traumartigen Dämmerzustand und stören sich nicht daran, daß die heutigen Einwanderer oft mehr an Transfers als an Arbeit interessiert sind. Eine schöne Rede des Bundespräsidenten, in der den Deutschen ganz nebenbei Alltagsrassismus vorgeworfen wird, erinnert sie an ihre Rolle als Zahlmeister. Zahlen, nicht fragen.

Was bleibt, ist die bittere Erkenntnis, daß wir die Lektionen aus 60 Jahren Erfahrung mit Gastarbeitern gar nicht gelernt haben können, denn wir fragen erst gar nicht danach. Wichtig ist, daß die Politik gut klingt, und das muß man dem Herrn Bundespräsidenten lassen: Sein Gerede klingt weitaus besser als mein erbarmungsloser Blick auf 60 Jahre Fühl-dich-gut-Politik.

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Der Autor, 25, ist türkischer Abstammung. Sein Großvater kam 1964 als Gastarbeiter nach Deutschland. Er bloggt unter dem Pseudonym Jonas Danner auf Twitter und gibt einen wöchentlichen Newsletter heraus.

Gastarbeiter aus Griechenland, der Türkei und Spanien im Jahr 1966 bei der Arbeit in einer Großverzinkerei in Berlin Foto: picture-alliance / dpa | Konrad Giehr
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