Roland Koch: Soll Roland Tichy als neuer Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung folgen
Roland Koch: Soll Roland Tichy als neuer Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung folgen picture alliance/Boris Roessler/dpa
Neuer Vorsitzender Roland Koch

Ludwig-Erhard-Stiftung: Bereit für die politisch-korrekte Neutralisierung

Kleiner hätte der Anlaß kaum sein können – und den meisten muß man auf die Sprünge helfen, sich überhaupt an ihn zu erinnern: Im September fand sich auf der Satireseite der Druckausgabe von Tichys Einblick eine in der Tat dümmlich-geschmacklose Spekulation über Sawsan Cheblis „G“-Punkt als einzigem „Pluspunkt“ der Berliner SPD-Staatssekretärin. Die Geschmähte erwirkte eine Einstweilige Verfügung, was ihr auch niemand verübeln kann, Herausgeber Roland Tichy räumte den Fehler ein und zeigte sich auf seinem YouTube-Kanal sichtlich selbst peinlich berührt von dem pubertär-tumben Kalauer seines Satire-Redakteurs.

Doch rasch wurde die peinliche Petitesse von Chebli, den meisten Medien und den üblichen Twitter-Verdächtigen zum Sexismus-Skandal von gesamtgesellschaftlichem Ausmaß stilisiert. Daß der Vorfall in Wahrheit in keinem Verhältnis stand etwa zur „künstlerischen“ Darstellung 2016 des – laut einer früheren taz-Satire „mit Leichenteilen vergeblich operativ verlängerten“ – Penis‘ von Bild-Chef Kai Diekmann, mit der das linke Blatt die Fassade seines Berliner Redaktionsgebäudes öffentlich und metergroß verzierte.

Oder den schwer beleidigenden Spekulationen über die – O-Ton – „Eier“ Prinz Georgs von Hohenzollern, die Jan Böhmermann 2019 in seiner ZDF-Sendung „Neo Royal“ auf klebrigstem Bahnhofskloniveau anstellte. Oder den Ausfällen des „heute-show“-Kabarettisten Serdar Somuncu im September in einem Podcast des öffentlich-rechtlichen RBB über radikalfeministische Journalistinnen als „schlechtgebumste Frauen, häßliche Schabracken, die keine Schwänze (mehr) lutschen können“.

Erinnerungen an Spaltung der Hayek-Gesellschaft

All das spielte natürlich keine Rolle. Einzig die im Vergleich dazu mikro-kleine Sudelei bei Tichy war plötzlich furchtbares Fanal für den Sexismus unserer Gesellschaft und die nach wie vor fortdauernde historische Erniedrigung der deutschen Frau, selbst noch im Jahre 2020.

Besonderes angewidert zeigte sich CSU-Staatsministerin Dorothee Bär. Allerdings nicht von den maßlosen Attacken gegen den Sünder, obwohl man dies vielleicht hätte erwarten können, saß sie zu dieser Zeit doch noch mit Roland Tichy gemeinsam in der Berliner Ludwig-Erhard-Stiftung. Vielmehr angewidert von ihm erklärte sie stante pede ihren Austritt: Was seine Position als Vorsitzender der Stiftung erschütterte, der, wegen seiner politisch unkorrekten Positionen, vielen dort schon lange ein Dorn im Auge war.

Mit dem von Tichys Einblick selbstfabrizierten „G“- als Ansatzpunkt, setzte Bär also nun das von Chebli und den Medien geschmiedete Brecheisen an – und kracks: Sehend was auf ihn zukam, trat Tichy zurück. Ein Waterloo, da der nonkonforme Wirtschaftsjournalist als Stiftungschef so etwas wie die letzte Schanze gegen die politisch-korrekte Totalvereinnahmung des Verbandes gewesen war. Zur Erinnerung: bereits 2015 gelang mit der Spaltung der Friedrich-Hayek-Gesellschaft die Abdrängung nonkonformer Positionen aus dem vorpolitischen Raum der Liberalen, zu dem neben den „Hayekianern“ auch die Ludwig-Erhard-Stiftung gehört.

Erfahrungsgemäß keine großen Hoffnungen

Nun ist klar, die Nachfolge Tichys tritt Ex-CDU-Ministerpräsident Roland Koch an, von 1999 bis 2010 Landesvater in Hessen und einst als möglicher Konkurrent Merkels im Kampf um den Parteivorsitz gehandelt. In den Neunzigern erwarb er sich den Ruf eines konservativen Exponenten der Union in der Tradition seines 2002 verstorbenen Landesparteifreunds Alfred Dregger – über Jahrzehnte neben Franz-Josef-Strauß die Ikone der Christkonservativen. Vor allem Kochs öffentliche Unterschriftensammlung gegen die Einführung der doppelten Staatsbürgerschaft durch die rot-grüne Bundesregierung im Landtagswahlkampf 1999 brachte ihm den Ruf als – je nach politischem Standort – unerschrockener Konservativer/skrupelloser Rechtspopulist ein.

Doch das Profil des so ins Amt gestarteten verflüchtigte sich während des Jahrzehntes seiner Landesherrschaft immer mehr – trotz einzelner Vorstöße: wie seiner Forderung 2001, jedes Kind solle „das Deutschlandlied können“, „Schüler und Schülerinnen sollen Respekt vor unserer Fahne haben“ und „nationale Identität“ zum zentralen Wahlkampfthema der Bundestagswahl 2002 zu machen.

Ob Roland Koch nun den Mut haben wird, die Ludwig-Erhard-Stiftung im Sinne des Namenspatrons auch konsequent gegen den Zeitgeist zu führen, muß ernstlich bezweifelt werden. Die Wahl eines Etablierten wie ihn läßt vermuten, daß nach der Hayek-Gesellschaft auch die Erhard-Stiftung im Sinne der politischen Korrektheit neutralisiert wird. Oder hält der gealterte und vielleicht gereifte Koch, was der Junge einst fälschlich versprach? Man sollte jedem Menschen eine zweite Chance zubilligen – sich erfahrungsgemäß aber keine großen Hoffnungen machen.

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