Der schreckliche Musterknabe

Die Biographie als Mittel der Geschichtsschreibung genoß in den letzten Jahrzehnten wenig akademisches Ansehen, zumal wenn es um Personen des Dritten Reiches ging. An deutschen Universitäten machte man einen weiten Bogen um sie und überließ dieses Forschungsfeld entweder Literaten wie Joachim Fest oder ausländischen Historikern wie Ian Kershaw. So gibt es von zentralen Persönlichkeiten bis heute keine wissenschaftliche Aufarbeitung ihres politischen Lebens. Dies galt auch für den Ostpreußischen Gauleiter Erich Koch, dem nun Ralf Meindl eine ausdrücklich politische Biographie widmet, die an der Universität Freiburg als Dissertation angenommen wurde.

Koch gehörte zu den „Alten Kämpfern“ des NS-Regimes, die nach der Machtergreifung auf führende Posten vorrückten. Er genoß dabei während der ganzen Dauer des Regimes das Vertrauen des Staats- und Parteichefs und hatte relativ häufig persönlichen Zugang zu Hitler, was in den auf Beziehungen und langjährigem Vertrauen beruhenden Machtstrukturen des Dritten Reichs eine entscheidende Rolle spielte. Aus diesem Grund blieb er auch nicht nur der Gauleiter Ostpreußens, wo er sich als vorbildlicher Parteisoldat Verdienste bei der politischen Gleichschaltung, aber auch der wirtschaftlichen Umgestaltung seiner Provinz zum „NS-Mustergau“ erwarb, sondern übernahm zahlreiche weitere Aufgaben, darunter schließlich auch die eines Reichskommissars für die Ukraine und zeitweise des Ostlands. Kochs Einflußgebiet erstreckte sich zu seinen besten Zeiten „von Meer zu Meer“, von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer, was in Parteikreisen nicht ohne Neid vermerkt wurde.

Auf der anderen Seite galt Koch als Musterbeispiel für die schlechten Seiten des nationalsozialistischen Alltags. Unbeherrscht sei er gewesen, mit ausgeprägten Neigungen zu Gebrüll und Handgreiflichkeiten, eitel, korrupt und schließlich gegen Kriegsende auch noch feige und eigensüchtig. Meindl schildert dies alles mit Distanz, aber ausgewogen, und zu jeder Zeit mit dem Willen zu einer sachlichen Beurteilung. Nach Kriegsende versteckte sich Koch eine Zeitlang unter falschem Namen in Deutschland, bis er der Versuchung nicht widerstehen konnte, sich für ein politisches Amt zur Wahl zu stellen. Er wurde erkannt und verhaftet. Es folgten Gerichtsverhandlungen, die Auslieferung nach Polen, dort die Verurteilung zur nichtvollzogenen Todesstrafe und eine lange Haft, in der Koch schließlich 1986 im Alter von neunzig Jahren starb.

Nichts bereut

Erich Koch gehörte zu denen, die nichts bereuten. Er sah sich als tragische Figur, als Sozialist und „Arbeiter­aristokrat“, der an dem Versuch der Weltverbesserung gescheitert sei. Mehr noch: „Niemand kann sagen, an den Händen Erich Kochs klebt Blut“, diktierte er kurz vor seinem Tod einem polnischen Reporter in die Feder. Meindl zitiert dies beinah kommentarlos und spricht von „ungebrochenem messianischem Selbstbewußtsein“ des Gauleiters. Dabei drängen sich hier weitere Fragen förmlich auf, etwa die, ob es nicht absurd ist, wenn der Kommissar für die eroberten Gebiete in der Sowjetunion eine solche Behauptung aufstellt. Schließlich wird im Prinzip seit dem ersten Tag des Unternehmens Barbarossa immer wieder das Bild einer von alltäglichem Tod geprägten deutschen Schreckensherrschaft in den eroberten Gebieten gezeichnet.

Auch Meindl schließt sich der Behauptung an, es habe im Vorfeld des Rußland-Feldzugs einen Tötungsplan gegen bedeutende Teile der sowjetischen Zivilbevölkerung gegeben. Dann zeichnet er allerdings ein Bild über die spannungsreichen Auseinandersetzungen innerhalb des Beziehungsdreiecks Hitler/Rosenberg/Koch, das dies indirekt einmal mehr widerlegt. Der zuständige Reichsminister für die besetzten Ostgebiete, Alfred Rosenberg, dachte demnach in bezug auf die Ukraine an eine Art nation building-Programm, Koch lehnte das ab und erging sich statt dessen in verächtlichen Äußerungen über die Ukrainer, was eine demonstrative Wende zur Behauptung seiner Position gegenüber Rosenberg war, denn Koch galt durchaus als slawophil, wie Meindl schreibt. Hitler selbst erklärte Rosenbergs Vorstellungen allein schon wegen der Kriegsbedingungen für unrealistisch und war vorwiegend an der laufenden Produktion interessiert. Er ging aber, wie der Autor belegt, offenbar davon aus, die aktuellen Lebensbedingungen der Ukrainer seien nicht wesentlich schlechter als die der Deutschen, und hatte keineswegs vor, sie willkürlich oder gar in Tötungsabsicht zu verschlechtern.

So bleiben bei Meindl an manchen Punkten Widersprüche nicht aus. Das schmälert den Wert der materialreichen Studie nur wenig. An anderer Stelle räumt der Autor beiläufig mit Legenden auf, auch mit solchen, die zu Kochs zweifelhaftem Ruf beigetragen haben. Anders als immer wieder kolportiert, verließ Koch den Gau Ostpreußen in der Tat erst mit den letzten Wehrmachtseinheiten und ergriff nicht vorzeitig die Flucht. Auch war es keineswegs so, daß seinetwegen wochenlang eigens ein Schiff bereitgelegen hätte und damit für die Evakuierung von Flüchtlingen verloren gewesen wäre. Derartige Korrekturen am Geschichtsbild machen unter anderem den Wert von Biographien aus.

Ralf Meindl: Ostpreußens Gauleiter. Erich Koch – eine politische Biographie. Fibre Verlag, Osnabrück 2007, broschiert, 575 Seiten, Abbildungen, 35 Euro

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